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Das Sterben der „Goldenen Dünen“: Warum das Wahrzeichen Gran Canarias auf der Intensivstation liegt

Seit 1957 hat sich die Küstenlinie am Strand von Maspalomas um mehr als 120 Meter landeinwärts zurückgezogen.

Lesedauer 5 Minuten

Maspalomas – Es ist das Postkartenmotiv schlechthin: Endlose Sandberge, die sich vor dem tiefblauen Atlantik auftürmen. Doch hinter der idyllischen Fassade des Naturschutzgebiets Dünen von Maspalomas spielt sich eine ökologische Tragödie ab. Eine aktuelle Langzeitstudie zeichnet ein düsteres Bild: Das Dünensystem schrumpft in rasantem Tempo. Experten warnen, dass die „Gans, die die goldenen Eier legt“, am Ersticken ist – Opfer eines jahrzehntelangen Baubooms und des Klimawandels.

Von der einstigen Erhabenheit der Dünen von Maspalomas ist an vielen Stellen nur noch ein Schatten geblieben. Wo Urlauber vor fünfzehn Jahren noch über zehn Meter hohe Sandberge kletterten, blicken Forscher heute auf flache, versteinerte Ebenen. Das 404 Hektar große Ökosystem im Süden Gran Canarias befindet sich in einem „kritischen Zustand“. Dies ist das Ergebnis einer umfassenden Untersuchung der Forschungsgruppe Geotigma des Instituts für Ozeanographie und Globalen Wandel (IOCAG) an der Universität Las Palmas de Gran Canaria (ULPGC).

Die Zahlen, die das Team um den Forscher Leví García vorlegt, sind alarmierend: Seit 1957 hat sich die Küstenlinie am Strand von Maspalomas um mehr als 120 Meter landeinwärts zurückgezogen. Das bedeutet einen durchschnittlichen Verlust von fast einem Meter pro Jahr. In besonders exponierten Zonen frisst das Meer sogar bis zu 1,7 Meter Sandfläche jährlich auf.

Der Patient Dünen auf der Intensivstation

„Das System funktioniert nicht mehr autonom“, erklärt Leví García mit einer drastischen Metapher. „Man muss sich die Dünen wie einen Patienten auf der Intensivstation vorstellen. Er liegt an Maschinen, braucht ständige Überwachung und künstliche Zufuhr von außen, um nicht komplett zusammenzubrechen.“

Das Problem ist ein gestörter Kreislauf. Ursprünglich war das Dünensystem ein dynamisches Gebilde: Wind und Strömung transportierten Sand von der Playa del Inglés um das Kap herum bis nach Maspalomas. Doch dieser natürliche Fluss ist unterbrochen. Die Diagnose der Experten: Ein massives „Sedimentdefizit“. Es kommt nicht mehr genug Sand nach, um den natürlichen Verlust durch Wind und Wellen auszugleichen.

Der „Keil“ aus Beton: Die Sünden der 1960er Jahre
Um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, muss man den Blick zurück in die 1960er-Jahre werfen. Damals begann der massive touristische Ausbau im Süden der Insel. Was heute das wirtschaftliche Rückgrat Gran Canarias bildet, erwies sich ökologisch als fataler Fehler.

Die Bebauung von Playa del Inglés wirkt laut der Studie wie ein physischer „Keil“, der sich in das ursprüngliche Ökosystem getrieben hat. Etwa 24 Prozent der ursprünglichen Dünenfläche wurden schlichtweg zubetoniert. Diese Gebäude sind weit mehr als nur optische Störfaktoren. Sie verändern die lokale Winddynamik fundamental. Gebäude erzeugen „Windschatten“, in denen der Sand liegen bleibt und künstlich fixiert wird, anstatt weiterzuwandern. In anderen Bereichen hingegen wird der Wind durch die Häuserschluchten so beschleunigt, dass er den Sand förmlich wegpeitscht und die Erosion massiv vorantreibt.

Barrieren am Strand: Kioske, Liegen und Container
Doch es sind nicht nur die großen Hotels, die den Sandfluss stoppen. Die Studie wirft ein Schlaglicht auf die alltägliche Infrastruktur am Strand. Leví García weist darauf hin, dass die schiere Masse an Strandkiosken, Lagercontainern und Tausenden von Sonnenliegen eine zusätzliche Barriere darstellt.

Ein Beispiel macht die Absurdität deutlich: An der Playa del Inglés sind oft bis zu 2.000 Sonnenliegen fest installiert. Statistiken zeigen jedoch, dass an vielen Tagen nur etwa 500 davon tatsächlich genutzt werden. „Diese ungenutzten Liegen besetzen wertvollen Raum und verhindern, dass der Wind den Sand ungehindert transportieren kann“, so García. Die Forderung der Wissenschaftler ist klar: Eine Optimierung der Serviceleistungen. Nur das, was wirklich gebraucht wird, sollte am Strand stehen, um dem Ökosystem „Atemraum“ zu geben.

Das Verschwinden des „Strandbesens“

Ein weiterer kritischer Faktor ist das Sterben der heimischen Flora. Insbesondere die Pflanze Traganum moquinii, im Volksmund als „Strandbesen“ bekannt, spielt eine Schlüsselrolle. Diese robusten Büsche fungieren als natürliche Sandfänger. Sie halten das Sediment fest und bilden so die Basis für die Entstehung der ersten Dünenreihe.

Ohne diese pflanzlichen Architekten hat der Sand keinen Halt mehr. Die Studie dokumentiert einen massiven Rückgang der Bestände. Stirbt die Pflanze, stirbt die Düne. Das System verliert seine Fähigkeit zur Selbstregeneration, was die Anfälligkeit gegenüber äußeren Einflüssen dramatisch erhöht.

Klimawandel und Südweststürme: Der finale Stoß?
Als wäre die hausgemachte Belastung durch den Tourismus nicht genug, verschärft der Klimawandel die Situation. Maspalomas ist aufgrund seiner geografischen Lage und der nahezu geschlossenen Struktur extrem anfällig für steigende Meeresspiegel.

Bei einem Tidenhub von bereits 2,6 Metern führen schon geringe Erhöhungen des Meeresspiegels zu häufigeren Überschwemmungen der ohnehin geschwächten Randbereiche. Besonders gefährlich sind die sogenannten Südweststürme. In der Vergangenheit verfügten die Dünen über genügend Sandreserven, um die Wucht der Wellen bei solchen Wetterereignissen abzufedern. Heute fehlt dieser Puffer. Die Wellen treffen ungebremst auf das Hinterland und waschen in kürzester Zeit riesige Mengen Sediment aus dem System, die unwiederbringlich im tiefen Ozean verschwinden.

Ein regionales Phänomen: Warnung für Makaronesien
Maspalomas steht nicht allein da. Die Forscher warnen vor einem Muster, das sich in der gesamten makaronesischen Region (Kanaren, Azoren, Madeira, Kap Verde) wiederholt. Ähnliche Erosionsmuster lassen sich bereits auf Fuerteventura und der kleinen Insel La Graciosa beobachten.

Besonders besorgt zeigt sich das Team über die Entwicklungen auf der Kap-Verden-Insel Sal. Dort werden derzeit dieselben Planungsfehler wiederholt, die auf den Kanaren vor 50 Jahren begangen wurden. Massive Hotelkomplexe werden direkt in die Sandkorridore gebaut. „Wir sehen hier eine Wiederholung der Geschichte“, warnt García. Man zerstöre das, was die Urlauber eigentlich sehen wollen – die unberührte Natur. Wenn das Dünenfeld verschwindet, bleibt eine „unattraktive Landschaft“ zurück, die den touristischen Reiz und damit den wirtschaftlichen Wert der Region massiv mindern wird.

Rettung in Sicht? Das Projekt „Masdunas“
Ganz hoffnungslos ist die Lage jedoch nicht. Um den Trend umzukehren, setzen Experten auf das Konzept „Von der Quelle bis zur Senke“ (Source to Sink). Es reicht nicht mehr aus, nur den Strand zu reparieren; man muss den gesamten Weg des Sandes schützen.

Ein Vorzeigeprojekt ist „Masdunas“, das 2018 vom Inselrat (Cabildo) von Gran Canaria ins Leben gerufen wurde. Die Strategie ist eine Art „gezielte Pflege“:

  1. Sand-Recycling: Über 60.000 Kubikmeter Sand wurden kontrolliert von Stellen, an denen er sich durch menschliche Barrieren staute, zurück an strategische Zufuhrpunkte gebracht.
  2. Dünen-Restaurierung: Durch diese Maßnahmen konnten bisher 14.000 Kubikmeter Sand in der kritischen Küstenzone gehalten werden.
  3. Erfolge: Rund 85 % der vorderen Dünenfront an der Playa del Inglés konnten so stabilisiert oder wiederhergestellt werden.

Fazit: Ein Wettlauf gegen die Zeit
Die Rettung von Maspalomas ist kein Kurzstreckensprint, sondern ein Marathon. „Was in 50 Jahren rücksichtsloser Entwicklung zerstört wurde, lässt sich nicht in ein paar Jahren korrigieren“, betont Leví García. Es erfordert ein radikales Umdenken: Weg von der maximalen Ausbeutung der Fläche, hin zu einem respektvollen Management, das der Natur den nötigen Raum lässt.

Die Dünen von Maspalomas sind weit mehr als nur ein schöner Strand – sie sind ein Symbol für die Zerbrechlichkeit unserer Umwelt im Angesicht des Massentourismus. Ob künftige Generationen noch die goldenen Sandberge bestaunen können oder nur noch auf betonierte Küsten blicken, entscheidet sich jetzt. Der „Patient“ liegt noch auf der Intensivstation, aber mit der richtigen Behandlung besteht noch Hoffnung auf Genesung.

Wussten Sie schon? Ein großer Teil des Sandes in Maspalomas besteht nicht aus Saharasand, wie oft fälschlicherweise angenommen wird, sondern aus zerriebenen Muschelschalen und kalkhaltigen Algen, was ihn zu einer wertvollen, lokalen Ressource macht. – TF

Weitere Artikel zum Thema:
Neues Überwachungssystem mit Bewegungssensoren für die Dünen von Maspalomas geplant, vom 09.06.2025

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