Kanaren – Die wirtschaftliche Unabhängigkeit gilt für viele als erstrebenswertes Ziel, doch für tausende Unternehmer auf den Kanarischen Inseln ist der Traum von der Selbstständigkeit längst zu einem harten Kampf ums Überleben geworden. Am kommenden Montag, dem 2. März, mobilisiert die „Plattform für die Würde der Selbstständigen“ (Plataforma por la Dignidad de los Autónomos) erneut zu einer großangelegten Demonstration. Es ist die Fortsetzung einer Bewegung, die bereits am 30. November des vergangenen Jahres rund 9.000 Menschen auf die Straßen brachte. Doch da die Politik seither nach Ansicht der Betroffenen keine Taten folgen ließ, verschärft sich der Ton nun deutlich.
Ein Signal an die Politik: Die Route in Las Palmas
Auf Gran Canaria ist die logistische Planung für den kommenden Montag bereits abgeschlossen. Um die Sichtbarkeit des Protests zu erhöhen, haben die Organisatoren die Route im Vergleich zur ersten Kundgebung bewusst angepasst. Der Startschuss fällt um 10:00 Uhr auf der Plaza de España in Las Palmas de Gran Canaria.
Von diesem zentralen Punkt aus wird sich der Demonstrationszug entlang der belebten Avenida José Mesa y López bewegen. Die Wahl dieser Strecke ist kein Zufall: Durch die Durchquerung eines der wichtigsten Einkaufsviertel der Stadt soll die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und der Medien maximiert werden. Über den Marinestützpunkt führt der Weg weiter in die Calle León y Castillo, eine der Hauptverkehrsadern der Stadt. Das Ziel der etwa zweistündigen Kundgebung ist die Plaza de la Feria, unmittelbar vor dem Sitz der Regierungsgebäude. Dort soll das offizielle Manifest verlesen werden, das die dringenden Forderungen der Branche zusammenfasst.
Die Strategie hinter der geänderten Routenführung ist klar: Die Selbstständigen wollen den Alltag der Stadt erreichen. Werden verkehrsreichere Zonen tangiert, lässt sich die Botschaft nicht länger ignorieren. Die Organisatoren rechnen damit, dass der Protest durch diese Präsenz eine noch stärkere Wirkung entfalten wird als im November.
Zwischen Existenzangst und Bürokratie-Wahnsinn: Warum der Protest weitergeht
Hinter den Zahlen und Routen verbergen sich Schicksale. Viele kleine Unternehmen und Soloselbstständige berichten von einer Situation, die sie als „erstickend“ beschreiben. Die Hauptkritikpunkte haben sich seit dem letzten Jahr nicht verändert, da die Probleme struktureller Natur sind.
An erster Stelle steht der wachsende Steuerdruck. In einer Zeit, in der die Lebenshaltungskosten und Energiepreise steigen, empfinden viele die steuerliche Belastung als unverhältnismäßig. Besonders kritisiert wird das System der Sozialversicherungsbeiträge. Aktuell müssen Selbstständige oft hohe Pauschalbeträge zahlen, die kaum Rücksicht auf das tatsächliche monatliche Einkommen nehmen. Für jemanden, der in einem Monat kaum Umsatz generiert, können fixe Abgaben von 300 oder 400 Euro den Ruin bedeuten.
Pilar de los Reyes Rodríguez, die Sprecherin der Plattform, findet hierzu deutliche Worte. Sie betont, dass es der Gruppe nicht um Privilegien geht, sondern um eine soziale Absicherung, die mit der von Angestellten vergleichbar ist. „Wenn man krankgeschrieben ist und nicht arbeiten kann, ist es einfach nicht zumutbar, weiterhin volle Beiträge zahlen zu müssen, während keine Einnahmen fließen“, erklärt sie. Diese mangelnde Absicherung im Krankheitsfall oder bei Auftragsflaute sei eines der größten Hindernisse für das lokale Wirtschaftsgefüge.
Das Monster der Bürokratie
Ein weiterer zentraler Punkt der Mobilisierung ist die übermäßige bürokratische Belastung. Was als Unterstützung für die Wirtschaft gedacht ist – wie etwa staatliche Hilfsprogramme oder Förderungen – entpuppt sich in der Praxis oft als undurchdringliches Dickicht aus Formularen und digitalen Hürden.
Rodríguez berichtet von automatisierten Systemen, bei denen man sich durch endlose Menüs klicken muss, nur um am Ende keine Antwort zu erhalten. „Die Menschen haben diese Zeit einfach nicht“, kritisiert sie. Wer einen Ein-Mann-Betrieb führt, kann nicht Stunden am Telefon verbringen oder komplizierte Anträge studieren, die selbst für Experten schwer verständlich sind. Die Forderung der Plattform ist daher simpel, aber weitreichend: Bürokratie muss einfach und unkompliziert sein. Dies gelte nicht nur für Unternehmer, sondern für alle Bürger, die mit staatlichen Institutionen interagieren.
Regionale Bemühungen vs. zentrale Kompetenzen
Interessant ist die politische Dynamik hinter den Kulissen. Die Plattform betont, dass man durchaus im Dialog mit der Regionalregierung der Kanaren steht. Insbesondere Mónica Nuez, die Generaldirektorin für Selbstständige, wird für ihre Bemühungen gelobt. Es wird anerkannt, dass sie „ihr Möglichstes tut“.
Doch hier liegt die Krux: Viele der entscheidenden Stellschrauben – insbesondere im Steuer- und Sozialversicherungsrecht – liegen nicht in der Hand der kanarischen Regierung, sondern werden von der Zentralregierung in Madrid kontrolliert. Dies führt zu einer gewissen Frustration, da die regionalen Behörden oft nur als Puffer fungieren können, ohne die grundlegenden Gesetze ändern zu können. Der Protest am Montag ist daher auch ein lautstarker Appell, der über den Ozean bis in die spanische Hauptstadt hallen soll.
Eine überparteiliche Bewegung für die gesamte Gesellschaft
Was diese Bewegung auszeichnet, ist ihre wachsende Größe und ihre Unabhängigkeit. Was lokal begann, weitet sich nun auf nationaler Ebene aus. Die Plattform hat ihre Aufrufe von ursprünglich 21 auf mittlerweile 38 Städte ausgeweitet. Dies zeigt, dass die Probleme der Selbstständigen kein rein kanarisches Phänomen sind, sondern ein landesweites strukturelles Defizit widerspiegeln.
Trotz der harten Forderungen legt die Organisation großen Wert darauf, dass der Protest friedlich und überparteilich bleibt. Es gehe nicht darum, eine bestimmte politische Agenda zu stützen, sondern das verfassungsmäßige Recht auf Versammlungsfreiheit zu nutzen, um auf Missstände hinzuweisen. Die Botschaft ist integrativ: Eingeladen sind nicht nur Selbstständige, sondern auch deren Familien, Angestellte und alle Bürger, denen der Erhalt kleiner, lokaler Unternehmen am Herzen liegt.
„Es geht um faire Bedingungen für Arbeit und Unternehmensgründung“, so die Plattform abschließend. Ohne die kleinen Betriebe und die mutigen Einzelunternehmer würde das wirtschaftliche Rückgrat der Kanaren wegbrechen. Der 2. März wird zeigen, ob die Politik bereit ist, diesen Worten endlich Taten folgen zu lassen oder ob die Straßen der Inseln bald noch häufiger zum Schauplatz des Unmuts werden. – TF
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