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Nach dem Skandal um Maricarmen (87): Regierung zieht die Notbremse im spanischen Wohnungsmarkt

Die Gesellschaft ist so angestachelt wie lange nicht mehr.

Lesedauer 5 Minuten

Spanien – Die dramatischen Bilder aus dem Madrider Viertel Retiro haben sich in den vergangenen Tagen tief in das kollektive Gedächtnis der spanischen Gesellschaft eingebrannt. Nach intensiven, bis an die Belastungsgrenze geführten Verhandlungen, die sogar den Beginn der wöchentlichen Ministerratssitzung verzögerten, hat die spanische Koalitionsregierung aus PSOE und Sumar eine weitreichende Einigung erzielt. Das Ziel: Ein beispielloses Paket dringender wohnungspolitischer Maßnahmen auf den Weg zu bringen, um auf den enormen gesellschaftlichen Aufschrei zu reagieren.

Auslöser für diese politische Beschleunigung war ein Fall, der nicht nur in Spanien, sondern auch international für Entsetzen sorgte: Die Zwangsräumung der 87-jährigen Rentnerin Maricarmen Abascal am vergangenen Mittwoch in Madrid. Der Druck auf die Politik wuchs innerhalb weniger Tage so rasant an, dass die Regierung sich gezwungen sah, sofortige strukturelle Antworten auf die eskalierende Wohnungskrise zu liefern.

Der Fall Maricarmen Abascal: Ein Symbol der spanischen Wohnungskrise

Um die Tragweite der neuen Regierungsentschlüsse zu verstehen, muss man den Ursprung der aktuellen Debatte betrachten. Maricarmen Abascal, eine 87-jährige Frau mit einer anerkannten Behinderung von 50 Prozent, wurde am 23. September 2026 aus jener Wohnung geräumt, in der sie rund 70 Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Ihr Vater hatte den ursprünglichen Mietvertrag im Jahr 1956 unterzeichnet. Wie die spanische Tageszeitung El País detailliert berichtete, zahlte die Rentnerin eine monatliche Miete von rund 500 Euro.

Das Drama nahm seinen Lauf, als das Gebäude von dem Immobilienfonds Urbagestión Desarrollo e Inversión gekauft wurde. Das Unternehmen forderte daraufhin eine drastische Mieterhöhung auf 2.650 Euro pro Monat – ein Betrag, der für die Rentnerin, die von einer monatlichen Rente von 1.350 Euro lebt, schlichtweg unbezahlbar war. Trotz zahlreicher Vermittlungsversuche, des Eingreifens von Aktivisten, der Solidarität der Nachbarschaft und sogar dem Angebot einer anonymen Schriftstellerin, die Differenz der Miete auf Lebenszeit aus eigener Tasche zu zahlen, lehnte der Fonds jede Verhandlung ab.

Letztendlich setzten Spezialeinheiten der Polizei die richterlich angeordnete Räumung durch. Maricarmen musste ihr Zuhause auf einer Trage des Rettungsdienstes verlassen und wurde in das Krankenhaus Gregorio Marañón eingeliefert. Der Fall sorgte umgehend für ein gewaltiges mediales Echo, das bis zu den Vereinten Nationen reichte, wo der Sonderberichterstatter für angemessenes Wohnen, Koldo Casla, das Vorgehen als Bruch internationaler Verpflichtungen rügte.

Politische Taktik: Ein wohnungspolitisches Paket in zwei Akten

Die Regierung unter Premierminister Pedro Sánchez wusste: Es hieß jetzt oder nie. Im laufenden Jahr waren bereits drei Versuche gescheitert, wohnungspolitische Dekrete durch das Parlament zu bringen. Angesichts der durch den Fall Maricarmen hochgekochten Emotionen bot sich jedoch ein einzigartiges politisches Zeitfenster, um auch zögerliche Partner wie die katalanische Partei Junts per Catalunya oder die baskische PNV unter Druck zu setzen.

Die große Überraschung nach dem Ministerrat am Dienstag: Das Maßnahmenpaket wird nicht als ein einzelnes königliches Gesetzesdekret (Real Decreto-ley) verabschiedet, sondern in zwei separate Dekrete aufgeteilt. Aus Regierungskreisen ist zu hören, dass dies ein bewusster taktischer Schachzug ist, um zu verhindern, dass das gesamte Paket an einer einzigen umstrittenen Klausel scheitert. Da Gesetzesdekrete nach dem Verlassen des Ministerrats im Block und ohne Änderungsrecht im Kongress abgestimmt werden müssen, hätte ein geschlossenes Dokument ein massives Risiko für die Regierung dargestellt.

Dekret 1: Der umfassende Schutzschirm gegen Spekulation

Das erste und weitreichendere der beiden Dekrete beinhaltet ein Kompendium sogenannter „querschnittsartiger“ Maßnahmen, an denen das Wohnungsbauministerium bereits seit Juli gemeinsam mit verschiedenen Fraktionen gearbeitet hat. Wie der Radiosender Cadena SER nach der Pressekonferenz des Ministerrats auflistete, umfasst dieser Text folgende historische Eingriffe in den Markt:

  • Schutz vor Zwangsräumungen: Ein absoluter Stopp von Räumungen schutzbedürftiger Personen ohne alternative Wohnmöglichkeit bis zum Jahr 2030.
  • Verbot für „Geierfonds“: Großinvestoren und spekulativen Fonds wird es bis mindestens 2028 untersagt, massenhaft Wohnraum aufzukaufen.
  • Regulierung von Saison- und Zimmervermietung: Ein Aspekt, für den die linke Plattform Sumar bis zur letzten Minute der Verhandlungen erbittert gekämpft hat, um Schlupflöcher im aktuellen Mietgesetz zu schließen.
  • Finanzielle Unterstützung für Mieter und Käufer: Einführung einer öffentlichen Finanzierung zu 0 % Zinsen für den Erwerb des ersten Eigenheims sowie neue steuerliche Abzüge für Mieter mit einem Einkommen von unter 33.000 Euro pro Jahr.
  • Förderung von bezahlbarem Wohnraum: Eine Absenkung der Mehrwertsteuer auf 4 % für öffentlichen und geförderten Wohnungsbau.

Dekret 2: Die automatische Vertragsverlängerung

Das zweite Dekret beinhaltet ausschließlich jene Initiative, die von der einflussreichen Mietergewerkschaft in die politische Debatte eingebracht und von den linken Gruppen (insbesondere Sumar und Podemos) zur absoluten Bedingung gemacht wurde: Die automatische und unbefristete Verlängerung von Mietverträgen.

Durch die Ausgliederung in ein eigenes Dokument schützt die Regierung (PSOE) das erste Dekret vor dem potenziellen Veto liberalerer und wirtschaftsfreundlicherer Parteien aus dem eigenen Investiturblock. Die postkonvergenten Kräfte (Junts) hatten im Vorfeld bereits gewarnt, man wolle das „Kleingedruckte“ genau prüfen, um sicherzustellen, dass Kleinvermieter durch die neuen Regelungen nicht unverhältnismäßig benachteiligt werden.

Der Blick auf den Kongress: Ein Spiel auf Zeit und Emotionen

Um keine Zeit für das Verblassen der öffentlichen Empörung zu lassen, hat die Regierung eine ungewöhnlich schnelle Gangart eingelegt. Anstatt die gesetzlich zulässige Monatsfrist auszuschöpfen, soll der Kongress bereits am kommenden Freitag in einer außerordentlichen Plenarsitzung über die Validierung beider Texte abstimmen.

Wohnungsbauministerin Isabel Rodríguez appellierte bei ihrem Auftritt im Regierungssitz Moncloa direkt an das Gewissen der Parlamentarier und bezog sich ausdrücklich auf die geräumte Rentnerin, die nun bei Verwandten unterkommen musste: „Wir haben die Möglichkeit, ihr im Kongress zu sagen, dass sich ihr Leid gelohnt hat und nicht umsonst war. Dieses Engagement muss über Parteikürzel und politische Farben hinausgehen.“

Trotz der emotionalen Appelle bleibt die parlamentarische Arithmetik angespannt. Die Linkspartei Podemos bezeichnete den letzten Entwurf, der am Montagabend zirkulierte, als „Flickschusterei“ und forderte tiefgreifendere strukturelle Veränderungen im Immobilienmarkt. Auch die Mietergewerkschaft hielt sich mit voreiligen Jubelstürmen zurück und verlangte, die genauen juristischen Formulierungen schwarz auf weiß zu sehen.

Für die Verabschiedung benötigt die Regierung mindestens die Enthaltung der kritischsten Stimmen im linken und nationalistischen Spektrum, sofern alle anderen Parteien des Blocks geschlossen für die Dekrete stimmen. Mit der konservativen Oppositionspartei PP (Partido Popular) rechnet die Regierung ohnehin nicht; sie war in die tagelangen Krisengespräche zu keinem Zeitpunkt involviert. Der kommende Freitag wird somit nicht nur zur Abstimmung über ein Gesetz, sondern zu einem Lackmustest für die Stabilität der spanischen Regierung inmitten einer der schwersten sozialen Krisen des Landes. – TF

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