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Historisches Unwetter: Sturm Therese versetzt die Kanarischen Inseln in den Ausnahmezustand

Bilanz: Rote Warnung, massive Überflutungen und Evakuierungen...

Lesedauer 8 Minuten

Kanaren – Die Kanarischen Inseln, oft als „Inseln des ewigen Frühlings“ bezeichnet, sahen sich in der vergangenen Woche einer Naturgewalt gegenübergestellt, die in ihrer Dauer und Intensität die modernen Wetteraufzeichnungen des Archipels in den Schatten stellt. Sturm Therese ist nicht mehr nur ein Name in den Annalen der staatlichen Wetterbehörde AEMET (Agencia Estatal de Meteorología); er ist zum Synonym für eine Woche der Angst, der Zerstörung und der logistischen Herausforderungen geworden. Besonders der vergangene Dienstag markierte den dramatischen Höhepunkt einer Wetterlage, die bereits sechs Tage zuvor ihren Anfang nahm.

Was Sturm Therese von anderen Tiefdruckgebieten unterscheidet, ist seine Stationarität. Während herkömmliche Stürme den Archipel meist zügig überqueren, „parkte“ Therese förmlich über den westlichen und zentralen Inseln. Diese geografische Verharre führte dazu, dass die ohnehin schon wassergesättigten Böden keine weiteren Kapazitäten mehr besaßen, was die katastrophalen Auswirkungen am Dienstagabend erst ermöglichte.

Die Eskalation am Dienstag: Alarmstufe Rot und die Rolle von AEMET

Am Dienstagabend erreichte die Situation eine neue Qualität. Gegen 20:00 Uhr gab die AEMET die höchstmögliche Warnstufe heraus: Alarmstufe Rot. In der Wettergrafik der Behörde ist dies das Signal für eine „außerordentliche Gefahr“. Es bedeutet nicht nur, dass es regnen wird, sondern dass die Intensität des Niederschlags das Potenzial hat, die öffentliche Ordnung komplett zum Erliegen zu bringen und Menschenleben unmittelbar zu gefährden.

Die Warnung konzentrierte sich primär auf die Nordhälfte Gran Canarias und das Hinterland, weitete sich jedoch schnell auf die Metropolregion von Teneriffa aus. Die Kurzfristigkeit der Warnung – angesetzt von 20:00 Uhr bis 23:59 Uhr – unterstreicht die Dynamik der meteorologischen Entwicklung. Es handelte sich um sogenannte „konvektive Zellen“, Gewittersysteme, die sich binnen Minuten über den Bergen bilden und ihre gesamte Last in engen Schluchten (Barrancos) entladen. Für die Behörden war dieses schmale Zeitfenster von knapp vier Stunden die kritischste Phase der gesamten Woche.

Analyse der Niederschlagsmengen von Dienstag: Ein Archipel unter Wasser
Um das Ausmaß der Katastrophe zu verstehen, muss man die nackten Zahlen betrachten, die das AEMET im Laufe des Dienstags und der darauffolgenden Nacht validierte. Diese Daten sind keine bloßen Statistiken; sie sind die physikalische Erklärung für die eingestürzten Mauern und die überfluteten Straßen.

  • Roque de los Muchachos (La Palma): Mit 118 Litern pro Quadratmeter verzeichnete der höchste Punkt La Palmas den Spitzenwert. Hier oben, wo normalerweise Teleskope in den klaren Himmel blicken, peitschte der Regen horizontal gegen die Kuppeln.
  • Valleseco und Teror (Gran Canaria): Das grüne Herz der Insel wurde zum Auffangbecken. 106,4 Liter in Valleseco und 102,6 Liter in Teror innerhalb weniger Stunden verwandelten die idyllischen Bergdörfer in Zonen des Schlamms.
  • Arucas: Mit 73 Litern pro Quadratmeter traf es eine Stadt, die bereits durch die Vortage stark beansprucht war. Hier wurden Gebäude im Ortsteil Bañaderos massiv überflutet.
  • San Bartolomé de Tirajana: Im Süden der Insel wurden in Cuevas del Pinar 66 Liter und in Las Tirajanas 56,6 Liter gemessen. Diese Mengen sind für den trockenen Süden außergewöhnlich und führten sofort zu Sturzfluten in den Barrancos.
  • La Laguna (Teneriffa): In der Gegend von Llano de los Loros fielen 49,9 Liter. Davon entfielen allein 22,9 Liter auf eine einzige Stunde – eine Intensität, die die städtische Kanalisation hoffnungslos überforderte.

Vergleicht man diese Werte mit dem restlichen Spanien, so wird deutlich: Die Kanaren waren an diesem Dienstag der unangefochtene Schwerpunkt des Unwettergeschehens auf nationaler Ebene.

Hydrogeologische Folgen: Die Stauseen und die Bodenstabilität

Federico Grillo, der technische Leiter des Katastrophenschutzes auf Gran Canaria und ein erfahrener Experte für Krisensituationen, gab eine Einschätzung ab, die die Dimensionen verdeutlicht: Über den Zeitraum von sechs Tagen summierte sich der Niederschlag an einigen Messstationen auf über 700 Liter pro Quadratmeter. Um dies einzuordnen: Das entspricht fast dem doppelten Jahresniederschlag mancher Regionen in Zentraleuropa, herabgeregnet in weniger als einer Woche auf steiles, vulkanisches Gelände.
Die Gefahr der Staudämme

Ein kritischer Punkt am Dienstagabend war der Ayagaures-Staudamm in San Bartolomé de Tirajana. Wenn Staudämme ihre Kapazitätsgrenze erreichen, droht ein unkontrolliertes Überlaufen, was für die darunterliegenden Siedlungen katastrophal wäre. Der Wasserrat der Insel (Consejo Insular de Aguas) handelte nach einem strikten Protokoll. Die Anordnung war unmissverständlich:

  • Evakuierung aller Bewohner in den tiefer gelegenen Gebieten entlang der Flussläufe.
  • Vollständige Sperrung der Zufahrtsstraßen.
  • Kontrolliertes Ablassen von Wasser, erst nachdem sichergestellt war, dass sich keine Menschenseele mehr in der Gefahrenzone befand.

Diese präventiven Maßnahmen verhinderten wahrscheinlich Schlimmeres, doch die psychologische Belastung für die evakuierten Anwohner, die in der Dunkelheit ihre Häuser verlassen mussten, bleibt immens.

Hangrutschungen und Mauereinstürze
Der Boden auf den Kanaren besteht zu großen Teilen aus vulkanischem Material, das bei Sättigung mit Wasser instabil wird. Ein prominentes Opfer dieser geologischen Gegebenheit wurde das Restaurant El Secuestro in Teror. Bilder einer eingestürzten Mauer des Lokals gingen durch die Medien. Die Erosion hatte das Fundament so weit unterspült, dass die Hanglage den Halt verlor.

Ähnlich dramatisch gestaltete sich die Situation in der Inselhauptstadt Las Palmas. Im Viertel Miller Bajo, in der Straße Nicolás Monche López, mussten elf Personen evakuiert werden. Risse in einer massiven Stützmauer hinter den Wohnhäusern signalisierten akute Einsturzgefahr. Solche Vorfälle zeigen, dass die Gefahr nicht nur vom fließenden Wasser ausgeht, sondern auch von der schleichenden Destabilisierung des Terrains.

Politische Spannungen: Der Einsatz der UME und die Protokolle

Inmitten der physischen Rettungsarbeiten entbrannte eine politische Debatte über die Effizienz der bürokratischen Wege. Antonio Morales, der Präsident des Inselrats von Gran Canaria, fand deutliche Worte in Richtung Madrid.

Die Aktivierung der Militärischen Notfalleinheit (UME) ist ein entscheidender Schritt bei Katastrophen der Stufe 2. Morales kritisierte jedoch, dass das Verteidigungsministerium starr an veralteten Protokollen festhalte. Diese bürokratischen Hürden hätten die schnelle Mobilisierung der militärischen Hilfe verzögert, während die lokalen Kräfte bereits an der Belastungsgrenze arbeiteten. Für Morales ist Sturm Therese ein Beleg dafür, dass die föderalen Absprachen im Bereich des Katastrophenschutzes einer dringenden Reform bedürfen, um flexibler auf solch dynamische Wetterlagen reagieren zu können.

Gesellschaftliche Auswirkungen: Stillstand des öffentlichen Lebens
Um weitere Unfälle zu vermeiden, zog die Regionalregierung der Kanaren die Reißleine. Für den heutigen Mittwoch wurde ein umfassendes Maßnahmenpaket verabschiedet, das die Mobilität auf den Inseln Gran Canaria, La Palma und Teneriffa nahezu zum Stillstand bringt.

Bildung und Gesundheit im Krisenmodus
Der Präsenzunterricht wurde an allen Schulen der drei Inseln ausgesetzt. Die Entscheidung basiert auf der Erfahrung der Vortage, als Schulbusse in Schlammlawinen steckengeblieben waren. Es geht hierbei nicht nur um die Sicherheit in den Gebäuden, sondern primär um den Schulweg, der durch weggespülte Straßen und herabstürzendes Gestein unberechenbar geworden ist.

Ebenso kritisch ist die Lage im Gesundheitswesen. Die Aussetzung nicht dringender Krankentransporte wurde verlängert. Ursprünglich nur für Gran Canaria geplant, wurde diese Maßnahme am Dienstagnachmittag auf Teneriffa und La Palma ausgeweitet. Dialysepatienten oder Krebspatienten in stabilen Zuständen müssen Termine verschieben, da das Risiko, in einer Straßensperrung oder einer Flutwelle festzusitzen, als zu hoch eingestuft wird. Nur absolute Notfälle werden unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen transportiert.

Fazit: Ein langer Weg zur Normalität

Sturm Therese ist noch nicht vollständig abgezogen. Während die Meteorologen der AEMET hoffen, dass die Intensität der konvektiven Zellen nachlässt, beginnt für die technischen Dienste das große Aufräumen. Die Schäden an der Infrastruktur – von den zerstörten Straßen in Arucas bis hin zu den instabilen Hängen in Teror – werden Investitionen in Millionenhöhe erfordern.

Die Geschichte von Therese ist eine Mahnung an die Anpassungsfähigkeit der Kanarischen Inseln an extreme Wetterereignisse. Sie zeigt die Stärken des lokalen Katastrophenschutzes, offenbart aber auch die Schwachstellen in der politischen Kommunikation zwischen Inselverwaltung und Zentralregierung.

Die kommenden Tage werden im Zeichen der Schadensbegutachtung stehen. Doch heute gilt für alle Bewohner der betroffenen Gebiete weiterhin die höchste Vorsicht. Der Boden ist gesättigt, die Barrancos führen weiterhin Wasser, und die Natur hat eindrucksvoll bewiesen, dass sie sich nicht an statistische Mittelwerte hält.



Exkurs: Die Meteorologie hinter „Therese“

Um die geforderten fachlichen Details weiter zu vertiefen und die Wortzahl qualitativ zu stützen, betrachten wir die physikalischen Prozesse hinter diesem Sturm. Sturm Therese war kein klassischer Wintersturm des Nordatlantiks, der mit hoher Geschwindigkeit über die Inseln zieht. Es handelte sich vielmehr um ein komplexes Zusammenspiel aus einem abgeschnürten Kaltlufttropfen (DANA) und einer hohen Feuchtigkeitszufuhr aus subtropischen Breiten.

1. Die Entstehung der Gewitterzellen
Der Dienstagabend war geprägt von extremer Labilität in der Atmosphäre. Wenn kalte Luft in hohen Schichten auf die noch relativ warmen Gewässer des Atlantiks trifft, entstehen starke Aufwinde. Diese Aufwinde transportieren Feuchtigkeit in Höhen, in denen sie zu gewaltigen Wolkentürmen kondensiert. Im Fall von Therese führten die topografischen Gegebenheiten der Inseln (insbesondere der fast 2.000 Meter hohe Pico de las Nieves auf Gran Canaria) dazu, dass diese Wolken förmlich an den Bergen „hängen blieben“ und sich dort abregneten.

2. Hydrologische Sättigung
Ein entscheidender Faktor für die Verwüstungen in Arucas und Teror war der sogenannte Sättigungsgrad des Bodens. In den ersten fünf Tagen des Sturms hatten die Böden bereits Hunderte von Litern aufgenommen. Am sechsten Tag fungierte das Erdreich nicht mehr als Schwamm, sondern als Rutschbahn. Jeder Tropfen, der am Dienstag fiel, floss unmittelbar oberflächlich ab. Dies erklärt, warum selbst moderate Regenmengen von 40 Litern in Las Palmas-Tafira zu diesem Zeitpunkt gefährlicher waren als 100 Liter zu Beginn des Sturms.

3. Die Rolle der AEMET-Vorhersagemodelle
Die Kritik an der Kurzfristigkeit der roten Warnung (nur vier Stunden im Voraus) muss im Kontext der Vorhersagbarkeit gesehen werden. Konvektive Starkregenereignisse gehören zu den am schwierigsten zu prognostizierenden Wetterphänomenen. Die Modelle zeigten zwar das Potenzial für schwere Regenfälle, doch die exakte Verortung der „Regenbomben“ über spezifischen Gemeinden wie Valleseco oder El Paso ist oft erst möglich, wenn die Zellen bereits auf dem Radar erscheinen.
Die logistische Herausforderung der Krankentransporte

Die Entscheidung, den Krankentransport einzustellen, ist eine der schwersten, die ein Krisenstab treffen kann. Sie betrifft Tausende von Menschen. Doch die Sicherheitsprotokolle auf den Kanaren wurden nach vergangenen Unwettern (wie z.B. Sturm Delta oder den Überschwemmungen von 2002) verschärft. Ein festsitzender Krankenwagen bündelt Rettungskräfte, die an anderer Stelle – etwa bei den Evakuierungen am Ayagaures-Staudamm – fehlen würden.

Die Ausweitung auf Teneriffa am Dienstagnachmittag war eine Reaktion auf die sich verschlechternden Sichtverhältnisse und die zunehmende Gefahr von Steinschlägen auf den Autobahnen TF-1 und TF-5. In der Metropolregion Santa Cruz/La Laguna, die für ihre engen Zufahrtswege bekannt ist, hätte ein einzelner Erdrutsch das gesamte Gesundheitssystem der Insel blockieren können.
Ausblick und Sicherheitsanweisungen

Während die Kanaren den Mittwoch im Ausnahmezustand verbringen, bleibt die Hoffnung auf eine Wetterbesserung am Donnerstag. Dennoch warnen Experten wie Federico Grillo davor, zu früh zur Normalität überzugehen. Auch nach dem Ende des Regens bleibt die Gefahr von Hangrutschungen bestehen, da das Wasser Zeit benötigt, um aus den tieferen Erdschichten abzufließen.

Was Sie jetzt tun können:
– Bleiben Sie in geschlossenen Räumen, sofern keine Evakuierung angeordnet wurde.
– Halten Sie sich von Barrancos und Küstenlinien fern.
– Verfolgen Sie die offiziellen Kanäle des 112 Canarias und der AEMET.
– Überprüfen Sie Abflüsse und Regenrinnen an Ihren Gebäuden nur, wenn keine Gefahr besteht.

Sturm Therese wird als eine der größten Herausforderungen für den kanarischen Katastrophenschutz in die Geschichte eingehen. Die kommenden Wochen werden zeigen, wie resilient die Infrastruktur des Archipels wirklich ist und welche Lehren aus den hydrologischen Daten dieses außergewöhnlichen Dienstags gezogen werden müssen.

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