Kanaren – Die neue Gesundheits-App miSCS des kanarischen Gesundheitsdienstes SCS steht massiv in der Kritik. Mehr als neun von zehn Bewertungen im Google Play Store vergeben lediglich einen Stern. Nutzer berichten von Problemen bei der Anmeldung, fehlgeschlagenen Arztterminbuchungen und Schwierigkeiten beim Abrufen ihrer medizinischen Daten. Ein Informatiker hat inzwischen eine unabhängige Bürgerinitiative gestartet, um Betroffenen bei offiziellen Beschwerden zu helfen und den Gesundheitsdienst zu Verbesserungen aufzufordern.
Die Zahlen fallen deutlich aus: Von insgesamt 1.290 erfassten Google-Play-Rezensionen entfielen laut einer am 2. November veröffentlichten Auswertung 1.174 auf die schlechteste Bewertung mit einem Stern. Das entspricht rund 91 Prozent. Die Kritik beschränkt sich dabei nicht auf einzelne Funktionen. Vielmehr schildern Nutzer Schwierigkeiten bereits beim Öffnen der Anwendung oder beim Zugriff auf ihren persönlichen Bereich.
Neue Gesundheits-App ersetzt zwei bisherige Anwendungen
miSCS wurde am 7. September 2026 zur zentralen mobilen Anwendung des Servicio Canario de la Salud. An diesem Tag stellte der Gesundheitsdienst die bisherigen Apps miCitaPrevia und miHistoria als eigenständige Anwendungen ein. Ihre wichtigsten Funktionen wurden in der neuen Plattform zusammengeführt.
Über miSCS sollen Patienten Termine in der hausärztlichen Versorgung beantragen, einsehen, ändern oder absagen können. Außerdem bietet die Anwendung Zugriff auf die persönliche Krankengeschichte und verschiedene medizinische Informationen. Dazu gehören unter anderem Untersuchungsergebnisse, Arztberichte, Angaben zu Medikamenten und Impfungen sowie Informationen über Allergien.
Der Gesundheitsdienst wollte damit die bisher getrennten digitalen Angebote zusammenfassen und den Zugang zu den verschiedenen Dienstleistungen vereinfachen. Über die Umstellung und die notwendigen Schritte für Patienten hatten wir bereits in unserem Bericht zur Einführung der miSCS-App auf den Kanaren informiert.
In der praktischen Nutzung berichten Betroffene allerdings von wiederkehrenden Schwierigkeiten. Genannt werden unter anderem fehlgeschlagene Anmeldeversuche, wiederholte Aufforderungen zur Identifizierung und technische Fehlermeldungen. Teilweise sei es trotz erfolgreicher Anmeldung nicht möglich, einen verfügbaren Termin tatsächlich zu buchen. Andere Nutzer schildern, dass die Anwendung sie während eines Vorgangs wieder auf die Anmeldeseite zurückführt.
Informatiker startet Bürgerinitiative gegen die Probleme
Der Informatiker Juan Vega hat auf die Beschwerden mit einer eigenen Initiative reagiert. Über die Internetseite reportemiscs.org möchte er die Schwierigkeiten dokumentieren und erreichen, dass sich der Servicio Canario de la Salud intensiver mit den technischen Problemen beschäftigt.
Vega hatte die digitalen Angebote des Gesundheitsdienstes bereits vor der Einführung von miSCS regelmäßig genutzt. Von der Zusammenführung der bisherigen Anwendungen erwartete er eine Verbesserung des digitalen Zugangs. Nach dem Start am 7. September habe sich jedoch gezeigt, dass grundlegende Funktionen nicht zuverlässig zur Verfügung standen. Zwar seien einige anfängliche Schwierigkeiten später zurückgegangen, Probleme beim Einloggen und Verzögerungen seien nach seiner Einschätzung aber weiterhin vorhanden.
Besonders problematisch ist die Situation für Menschen, die ihre medizinischen Angelegenheiten bisher weitgehend über das Smartphone erledigt haben. Wenn die Anwendung nicht funktioniert, müssen sie auf andere Möglichkeiten ausweichen. Für Termine in der hausärztlichen Versorgung bleiben die telefonische Kontaktaufnahme und der persönliche Weg zum Gesundheitszentrum bestehen. Bestimmte digitale Dienstleistungen sind außerdem über das Webangebot des SCS erreichbar.
Die Schwierigkeiten können insbesondere für ältere Menschen oder Personen mit eingeschränkten Möglichkeiten im Umgang mit digitalen Anwendungen eine zusätzliche Hürde darstellen. Eine digitale Gesundheitsplattform soll den Zugang zu Informationen und Dienstleistungen erleichtern. Wenn bereits die Anmeldung oder die Terminbuchung scheitert, wird dieses Ziel für die betroffenen Nutzer nicht erreicht.
Anleitung soll Patienten bei offiziellen Beschwerden helfen
Ein wesentlicher Bestandteil der Initiative ist deshalb ein Leitfaden für Menschen, die technische Fehler melden möchten. Das Problem aus Sicht von Vega: Wer bereits Schwierigkeiten hat, sich in miSCS anzumelden, kann unter Umständen auch die vorgesehenen Möglichkeiten innerhalb der Anwendung nicht nutzen, um den Fehler zu melden.
Die Internetseite erklärt deshalb Schritt für Schritt, wie Betroffene eine Beschwerde beim Gesundheitsdienst einreichen können. Dabei sollen sie möglichst genau festhalten, was passiert ist, wann der Fehler aufgetreten ist und welche Funktion betroffen war. Das kann beispielsweise eine gescheiterte Terminbuchung, der fehlende Zugang zur Krankengeschichte oder ein Problem beim Abrufen medizinischer Berichte sein.
Vega empfiehlt außerdem, Screenshots der Fehlermeldungen anzufertigen und diese zusammen mit Datum und Uhrzeit aufzubewahren. Auf diese Weise entstehen nachvollziehbare Unterlagen, die bei einer späteren Bearbeitung der Beschwerde hilfreich sein können.
Für offizielle Beschwerden verweist der Leitfaden unter anderem auf das entsprechende Verfahren in der elektronischen Verwaltung der Kanarischen Regierung. Dort können Betroffene eine formelle Eingabe einreichen. Wichtig ist, die Registrierungsnummer aufzubewahren. Damit lässt sich später nachverfolgen, ob die Beschwerde bearbeitet wurde. Die Bürgerinitiative stellt dafür weitere Hinweise und eine entsprechende Anleitung unter reportemiscs.org bereit.
Auch über das Transparenzportal hat Vega Informationen angefordert. Dabei geht es unter anderem darum, wie der SCS die Funktionsfähigkeit der Anwendung kontrolliert, welche technischen Kennzahlen dafür verwendet werden und ob die vertraglich vereinbarten Qualitätsstandards eingehalten werden. Nach Angaben auf der Internetseite wartete die Initiative zum Zeitpunkt ihrer letzten Aktualisierung noch auf Antworten.
Weitere Millioneninvestition in die digitale Gesundheitsversorgung
Die Diskussion um miSCS fällt in eine Phase, in der die kanarische Gesundheitsversorgung weitere große Digitalisierungsprojekte vorbereitet. Am 19. Oktober 2026 genehmigte die kanarische Regierung Ausgaben in Höhe von rund 37,2 Millionen Euro für das Projekt MAGEC HCE. Dabei geht es um die Entwicklung und Einführung einer einheitlichen elektronischen Patientenakte für das gesamte Versorgungsnetz des SCS.
Das Projekt soll über einen Zeitraum von 60 Monaten umgesetzt werden. Die Einführung ist in mehreren Phasen vorgesehen und soll bis 2031 abgeschlossen sein. Ziel ist es, die bislang unterschiedlichen Systeme in den Gesundheitszentren und Krankenhäusern stärker zusammenzuführen. Dadurch sollen medizinische Informationen besser verfügbar sein und die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Einrichtungen erleichtert werden.
MAGEC HCE ist dabei ein eigenständiges Vorhaben und nicht mit einem angekündigten Update der miSCS-App gleichzusetzen. Die aktuellen Beschwerden über die mobile Anwendung bleiben damit ein separates Thema, das der Gesundheitsdienst unabhängig von der langfristigen Modernisierung seiner IT-Systeme lösen muss. – TF
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