Spanien – Spanien beschleunigt seine Bemühungen im Umweltschutz drastisch und zieht den Zeitplan für eine der größten Alltagsänderungen der letzten Jahrzehnte unerwartet vor. Während erste Entwürfe und frühere Berichte den Start des neuen Einwegpfand- und Rückgabesystem – im Fachjargon als SDDR (Sistema de Depósito, Devolución y Retorno) bekannt – erst für das Jahresende vorschauten, herrscht nun Klarheit: Bereits am 12. August dieses Jahres müssen sich Einheimische, Residenten und Urlauber auf umfassende finanzielle und logistische Neuerungen beim Einkauf und beim Restaurantbesuch einstellen. Ähnlich wie in Vorreiterländern wie Dänemark oder dem Nachbarland Portugal wird der Kreislauf von Verpackungen damit grundlegend reformiert.
Hinter der Maßnahme steht der entschlossene Kurs der Europäischen Union, den unkontrollierten Plastikmüll einzudämmen und schädliche Emissionen spürbar zu senken. Auf nationaler Ebene verweist die spanische Regierung auf das wegweisende Gesetz 7/2022 vom 8. April über Abfälle und kontaminierte Böden für eine Kreislaufwirtschaft. Mit dem neuen System wird an einem Punkt angesetzt, der für Verbraucher am sensibelsten ist: dem eigenen Geldbeutel. Durch eine gezielte Abgabe wird ein direkter finanzieller Anreiz geschaffen, Verpackungen ordnungsgemäß zu recyceln, anstatt sie ungenutzt wegzuwerfen.
Das „Flaschen-zu-Flasche“-Prinzip: Wie das 10-Cent-Pfand funktioniert
Das Kernprinzip des neuen SDDR-Modells basiert auf einer echten Kreislaufwirtschaft, dem sogenannten „Flaschen-zu-Flasche“-Modell. Verpackungen sollen nach dem Gebrauch nicht minderwertig weiterverarbeitet, sondern direkt wieder zu neuen, gleichwertigen Getränkebehältern umgeformt werden. Für jede Getränkedose oder Kunststoffflasche, die in Supermärkten, Geschäften, Bars, Restaurants oder ähnlichen Betrieben erworben wird, wird ab dem Stichtag im August eine Gebühr von 10 Cent fällig. Dieser Betrag versteht sich als Pfand und wird bei der Rückgabe des leeren Behälters in voller Höhe erstattet.
Für die Rückgabe werden in den kommenden Monaten flächendeckend Spezialautomaten an den verschiedenen Verkaufsstellen installiert. Ein entscheidender Vorteil für die Verbraucher: Die Betriebe sind gesetzlich dazu verpflichtet, das Pfand auszuzahlen – und zwar völlig unabhängig davon, ob das Produkt ursprünglich in genau diesem Geschäft gekauft wurde oder nicht. Wer also seine Erfrischungsgetränke im großen Supermarkt einkauft, kann die leeren Behältnisse später problemlos im kleinen Laden um die Ecke oder an einer anderen Akzeptanzstelle abgeben und erhält seine 10 Cent zurück. Dadurch wird sichergestellt, dass der Rückgabeprozess so barrierefrei wie möglich in den Alltag integriert werden kann.
Ausweitung auf Kartons: Diese Produkte sind konkret betroffen
Die neue Verordnung greift tief in den Alltag ein, da sie einen Großteil der Produkte des täglichen Bedarfs umfasst. Die Liste der pfandpflichtigen Verpackungen ist lang und lässt sich beim täglichen Einkauf kaum ignorieren. Betroffen sind im Wesentlichen alle Behältnisse aus Kunststoff oder Metall sowie Verbundverpackungen mit einem Fassungsvermögen von bis zu 3 Litern. Dazu gehören:
- Klassische Wasserflaschen aus Plastik (stilles und kohlensäurehaltiges Mineralwasser)
- Dosen mit Erfrischungsgetränken, Cola, Eistee und Limonaden
- Bierdosen und Biermischgetränke
- Fruchtsäfte, Nektare und Saftverpackungen
- Getränkekartons (Tetrapaks) bis zu einer Größe von 3 Litern
Besonders die Einbeziehung von Getränkekartons stellt eine erhebliche Erweiterung zu ursprünglichen Entwürfen dar und erhöht den logistischen Druck auf die Sortiersysteme im Handel enorm. Das langfristige Ziel dieses Kraftaktes ist ambitioniert, aber gesetzlich streng festgeschrieben: Bis zum 1. Januar 2029 sollen in Spanien stolze 90 Prozent aller relevanten Abfälle erfolgreich verwertet und im Kreislauf gehalten werden. Wer die Flasche nicht zurückbringt, verliert bares Geld – eine Taktik, die sich in Nordeuropa bereits seit Jahrzehnten bewährt hat.
Radikaler Schnitt in der Gastronomie: Das Aus für Mini-Verpackungen
Die wohl überraschendste Neuerung betrifft jedoch nicht die klassischen Supermärkte, sondern die Gastronomie, Bars, Cafés und Hotels – ein Sektor, der gerade auf den Kanarischen Inseln von herausragender wirtschaftlicher Bedeutung ist. Die Europäische Union hat im Rahmen der neuen EU-Verordnung 2025/40, die am 22. Februar verabschiedet wurde, ein klares Verfallsdatum für bestimmte Verpackungstypen beschlossen. Dieses Verbot tritt ebenfalls am 12. August in Kraft und hat eine weitreichende Übergangsphase bis zum Jahr 2030.
Konkret geht es um die weit verbreiteten Einzelportionspackungen (Tütchen, Mini-Becher und Plastikblister), die den Gästen standardmäßig zu Kaffee, Fast Food, Frühstück oder Salaten gereicht werden. Bars und Restaurants müssen diese kleinen Einwegbeutel komplett aus ihrem Service verbannen. Betroffen sind unter anderem:
- Zuckerbriefchen und Süßstoffverpackungen
- Salz- und Pfeffertütchen sowie Gewürzpackungen
- Kleine Plastikportionen für Ketchup, Mayonnaise und Senf
- Einweg-Verpackungen für Olivenöl und Essig (häufig in Salatsets zu finden)
- Kaffeemilch-Kapseln und kleine Becher für Saucen oder Beilagen
Gastronomen sind ab Mitte August dazu verpflichtet, diese Artikel durch alternative, nicht zum Einmalgebrauch bestimmte Behälter zu ersetzen. In der Praxis bedeutet dies eine Renaissance der klassischen Menagen*, Streuer, wiederbefüllbaren Karaffen oder Spendersysteme, die von allen Kunden gemeinsam am Tisch genutzt werden können. Der Berg an Mikro-Plastikmüll, der täglich auf den Restauranttischen des Landes anfällt, soll damit rigoros zusammengestrichen werden.
Herausforderungen für den kanarischen Handel und die Gastronomie
Während Umweltschützer in den neuen Fristen einen historischen Meilenstein für den Erhalt der kanarischen Natur, der Strände und des Atlantischen Ozeans sehen, blickt die lokale Wirtschaft mit großer Sorge auf den nahenden August. Insbesondere auf den Kanarischen Inseln, wo der Verband der Supermarktketten (Asuican) bereits in der Vergangenheit die immense regulatorische Last von hunderten neuen Umweltvorschriften kritisierte, sorgt der extrem beschleunigte Zeitplan für logistischen Alarm.
Die kurzfristige Anschaffung und betriebsbereite Installation der Spezialautomaten erfordert von den Unternehmen erhebliche finanzielle Investitionen in einem sehr kurzen Zeitfenster. Hinzu kommt das akute Platzproblem: Viele kleinere Lebensmittelgeschäfte und Express-Supermärkte in den engen, stark frequentierten touristischen Zonen im Süden von Gran Canaria oder Teneriffa sowie historische Läden in den Altstädten wissen schlichtweg nicht, wo sie die massiven Automaten und das täglich anfallende, sperrige Verpackungsvolumen lagern sollen. Wenn Automaten fehlen oder ausfallen, muss die Rücknahme manuell an der Kasse durch das Personal erfolgen. Dies wird zu Stoßzeiten unweigerlich zu längeren Wartezeiten und erheblichem Mehraufwand führen.
Dennoch bleibt das spanische Ministerium für den ökologischen Wandel hart: Der Schutz der Ressourcen, die Reduzierung von CO2-Emissionen und das schnelle Erreichen der EU-Recyclingziele stehen über den logistischen Bedenken der Wirtschaft. Verbraucher, Residenten und Urlauber sollten sich daher schon jetzt darauf einstellen, leere Flaschen, Dosen und Kartons zu Hause sorgfältig zu sammeln und nicht mehr zerdrückt in den normalen Müll zu werfen, da nur unbeschädigte Barcodes vom System akzeptiert werden. Das Einkaufen und das Essengehen auf den Kanaren wird ab diesem Sommer ein völlig anderes sein. – TF
Weitere Artikel zum Thema:
Ab Ende 2026 kommt das Einwegpfand für Plastikflaschen und Dosen in Spanien!, vom 09.02.2025
Frisches AMAZON TOP-Angebot eingetroffen, nicht verpassen!
Alle News immer sofort auf das Handy? Jetzt unseren Telegram-Kanal abonnieren.
Jetzt auch unseren WhatsApp-Kanal abonnieren, um immer die neusten News zu erhalten!
Infos-GranCanaria.com ist auch blei BlueSky! HIER folgen!
*= Amazon-Partnerlink
