In diesem BLOG-Beitrag über Gran Canaria befassen wir uns diesmal mit der Geschichte der Insel. Es geht konkret um die englische Seemannsmission im Hafen La Luz.
Im späten 19. Jahrhundert erlebte Las Palmas de Gran Canaria eine beispiellose Transformation. Mit der Grundsteinlegung für den Hafen von La Luz im Februar 1883 entwickelte sich die Stadt rasant zu einem strategischen Knotenpunkt im Atlantik. Der Hafen entstand in erster Linie, um den maritimen Bedürfnissen des britischen Empires gerecht zu werden. Dampfschiffe, die auf dem Weg in die Kolonien nach Afrika oder Südamerika waren, benötigten gigantische Mengen an Kohle, frischem Wasser und Proviant.
Die sogenannten Coaling Stations (Kohle-Stationen) machten Gran Canaria zu einem unverzichtbaren Zwischenstopp für die weltweite Handelsschifffahrt. Britische Firmen dominierten dieses lukrative Geschäft und prägten das Stadtbild maßgeblich (Quelle: Historische Archive des Puerto de La Luz / El Mercantil).
Gefahren an Land: Die Notwendigkeit einer Mission
Mit der starken britischen Präsenz kamen nicht nur Unternehmer, sondern auch Tausende von Seeleuten auf die Insel. Die Arbeit auf den kohlebetriebenen Schiffen war für die Besatzung extrem kräftezehrend. Wenn diese Männer nach teils wochenlanger Überfahrt den Hafen erreichten, strandeten sie oft für Tage in der Stadt – sei es aufgrund von Schiffsreparaturen, Besatzungswechseln oder den simplen Wartezeiten während der zeitraubenden Betankungsprozesse.
Für diese Seeleute gab es fernab der Heimat kaum sichere Anlaufstellen. Die Gefahr, in den Hafenvierteln Opfer von Ausbeutung zu werden oder im Übermaß dem Alkohol zu verfallen, war groß, was die Notwendigkeit einer betreuten, sicheren Einrichtung für die Matrosen offensichtlich machte.
Die Gründung der Seemannsmission: Ein Zuhause in der Ferne
Lange vor dem Bau spezialisierter medizinischer Einrichtungen erkannte die britische Gemeinde dieses drängende Problem. Um das Jahr 1890 wurde schließlich die Seemannsmission (Seaman’s Mission) in Las Palmas gegründet. Ihr vorrangiges Ziel war es, Seeleuten, die in der Stadt an Land gingen, eine sichere Unterkunft, praktische Hilfe und spirituellen Beistand zu bieten.
Die Einrichtung fungierte als klassisches Seemannsheim. In einer Zeit, in der das Leben auf See von massiven Entbehrungen geprägt war, stellte dieses Gebäude einen sicheren Zufluchtsort dar, der die physischen und seelsorgerischen Bedürfnisse der Männer erfüllen sollte.
Ein prächtiges Gebäude im Herzen des Hafenviertels
Die Seemannsmission war keine kleine, provisorische Unterkunft, sondern residierte in einem beeindruckenden Gebäude. Es erstreckte sich über die gesamte Länge der Calle La Palma und reichte von der belebten Calle Albareda bis hinunter zur Calle Sagasta (Quelle: miplayadelascanteras.com). Diese strategisch günstige und zentrale Lage ermöglichte es den Seeleuten, das Heim schnell und unkompliziert von den Docks aus zu erreichen.
Das Innere der Mission war voll und ganz auf Erholung ausgerichtet. Zu den Annehmlichkeiten zählten:
- Ein großer Speisesaal für warme, stärkende Mahlzeiten
- Geräumige und hygienische Schlafzimmer
- Ein gut ausgestatteter Lesesaal
- Ein Billardzimmer für die gemeinsame Freizeitgestaltung
Strenge Regeln und Unterstützung der Gemeinschaft
Finanziert wurde die Mission primär aus London, getragen durch die British and Foreign Seamen’s Society sowie die British Bible Society. Diese Struktur spiegelte den moralischen Charakter der Einrichtung wider. Eine der wichtigsten und strengstens kontrollierten Regeln des Hauses war ein absolutes Alkoholverbot. In einer oft rauen Hafenumgebung sollte die Mission ein sicherer Ort der Ruhe und Ordnung bleiben.
Auch die lokale britische Gemeinde auf der Insel engagierte sich fortwährend. Regelmäßig wurden private Spendenaktionen und Veranstaltungen organisiert, um die Seeleute mit Tabakwaren und anderen Dingen des täglichen Bedarfs zu versorgen. Dieses Engagement bewies den starken sozialen Zusammenhalt der Exil-Gemeinde auf Gran Canaria.
Die medizinische Versorgung: Das Queen Victoria Hospital
Die britische Fürsorge beschränkte sich jedoch nicht dauerhaft nur auf Logis und Seelsorge. Kurz nach der Eröffnung der Seemannsmission wurde im Jahr 1891 das Queen Victoria Hospital – im Volksmund der Einheimischen schlicht „Hospital Inglés“ (Englisches Krankenhaus) genannt – eingeweiht. Es war eine direkte Reaktion auf den Bedarf an fachgerechter medizinischer Versorgung für die wachsende britische Kolonie und die Seeleute, die häufig an Arbeitsverletzungen oder Tropenkrankheiten litten. Zusammen bildeten die Mission und das Krankenhaus das soziale Rückgrat der britischen Infrastruktur in Las Palmas.
Das Ende einer Ära (1952)
Die englische Seemannsmission leistete über sechs Jahrzehnte hinweg hervorragende und unverzichtbare Arbeit. Doch mit dem rasanten technologischen Wandel in der Schifffahrt veränderte sich auch der Bedarf vor Ort. Der moderne Dieselantrieb löste nach dem Zweiten Weltkrieg die klassischen Dampfschiffe weitgehend ab. Schiffe mussten nicht mehr tagelang zum Kohlefassen ankern; die Liegezeiten im Puerto de La Luz verkürzten sich drastisch und die benötigten Besatzungen wurden kleiner.
Im Jahr 1952 wurde das historische Gebäude schließlich geschlossen, an Investoren verkauft und wenig später abgerissen. Heute erinnern nur noch Archivbilder und historische Aufzeichnungen an jene prägende Ära, in der das Heim in der Calle La Palma der sicherste Zufluchtsort für britische Seefahrer auf den Kanarischen Inseln war.
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