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229 Tage im Jahr arbeitet man auf den Kanaren nur für den Staat, erst dann für sich!

Von 100 Euro bleiben tatsächlich nur 58,30 Euro!

Lesedauer 6 Minuten

Gefühlte Ausbeutung: Warum wir auf den Kanaren 229 Tage im Jahr nur für den Staat arbeiten

„Wir zahlen immer mehr Steuern.“ Was bei Familienfeiern, am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis auf den Kanarischen Inseln oft als einfache Klage oder bloßes Bauchgefühl abgetan wird, ist mittlerweile eine durch harte Daten belegte Realität. Die Steuerbelastung für die arbeitende Bevölkerung in Spanien – und speziell auch auf den Kanaren – hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Immer mehr vom hart erarbeiteten Geld fließt direkt in die Kassen der Finanzämter, während am Ende des Monats auf dem Konto der Bürger trotz Lohnerhöhungen oft weniger echte Kaufkraft übrig bleibt.

Trotz der Tatsache, dass die Staatshaushalte in Spanien seit 2023 formell oft nur verlängert wurden und keine gewaltigen neuen Steuerpakete verabschiedet wurden, hat das bestehende Steuersystem seine Einnahmekapazität auf eine sehr effiziente und automatische Weise ausgebaut. Dies geschieht vor allem durch das nominale Wachstum der Steuerbemessungsgrundlagen durch die anhaltende Inflation, das völlige Ausbleiben einer notwendigen Anpassung (Deflation) bei der Einkommensteuer (IRPF), kontinuierliche Erhöhungen der Sozialabgaben sowie die Einführung neuer und die Ausweitung bestehender lokaler Abgaben.

Der Tag der Steuerfreiheit: Ein Weckruf für die arbeitende Mitte

Um diese abstrakte, oftmals schwer fassbare Steuerlast greifbar zu machen, berechnet die spanische Stiftung Civismo jährlich den sogenannten „Tag der Steuerfreiheit“ (Día de la Liberación Fiscal). Dieser Tag markiert das genaue Datum im Jahr, bis zu dem ein durchschnittlicher Bürger theoretisch arbeiten müsste, wenn er sein gesamtes Einkommen ab dem 1. Januar ausschließlich zur Begleichung aller seiner steuerlichen Verpflichtungen aufwenden würde. Erst ab diesem Stichtag fließt das erwirtschaftete Einkommen faktisch in die eigene Tasche.

In ihrem aktuellen Bericht gibt die Stiftung an, dass die Einwohner der Kanarischen Inseln im laufenden Jahr exakt 229 Tage allein dafür arbeiten, um ihre Steuern und Abgaben zu bezahlen. Diese 229 Tage wurden am 18. August erreicht. Das bedeutet übersetzt, dass das gesamte Einkommen der Arbeitnehmer auf dem Archipel erst ab diesem Datum bis zum Jahresende tatsächlich und vollständig ihnen selbst gehört.

Die Kanaren im spanischen Vergleich: Etwas früher frei, aber dennoch stark belastet

Mit 229 Tagen liegen die Kanarischen Inseln zwei Tage unter dem nationalen spanischen Durchschnitt von 231 Tagen. Laut dem neuesten Bericht der Fundación Civismo für das Jahr 2026, der am 17. August veröffentlicht wurde, fällt der landesweite Tag der Steuerfreiheit auf den 20. August. Dass die Kanaren diesen Tag etwas früher erreichen, ist hauptsächlich auf das besondere Wirtschafts- und Steuersystem der Inseln (REF) zurückzuführen. Insbesondere die Anwendung der IGIC (Allgemeine indirekte Steuer der Kanarischen Inseln) anstelle der deutlich höheren und auf dem Festland geltenden Mehrwertsteuer (IVA) sorgt hier für eine leichte Entlastung bei den indirekten Steuern.

Dennoch gibt es kaum Grund zum Feiern: Im Vergleich zum Vorjahr hat die stetig steigende Steuerbelastung zu einer Verlängerung des Steuerfreiheitstages auf den Inseln um zwei weitere Tage geführt. Ein Blick auf das spanische Festland zeigt zudem ein von starken regionalen Unterschieden geprägtes Bild: Während Bürger im Baskenland (14. August) und in Madrid (15. August) am frühesten von ihren Steuerpflichten befreit sind, müssen Arbeitnehmer in Katalonien die höchste Steuerlast des Landes tragen und erreichen ihren Tag der Steuerfreiheit erst am 26. August.

Die bittere Wahrheit auf dem Lohnzettel: Von 100 Euro bleiben keine 60 Euro übrig

Die nackten Zahlen aus der Studie sind für viele Arbeitnehmer ernüchternd. Von 100 Euro, die ein Unternehmen für einen Mitarbeiter aufwendet (die sogenannten gesamten Lohnkosten), erhält der Arbeitnehmer netto lediglich 58,30 Euro tatsächlich ausgezahlt. Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer auf den Kanarischen Inseln mit einem Bruttojahresgehalt von 32.446 Euro verursacht für seinen Arbeitgeber reale Gesamtkosten in Höhe von 42.390,70 Euro, wenn man die verpflichtenden Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung miteinberechnet.

Von diesem Gesamtbetrag erhält der Arbeitnehmer am Ende netto etwa 24.724,91 Euro auf sein Bankkonto. Die gewaltige Differenz von 17.665,79 Euro wird direkt vom Staat für die Einkommensteuer (IRPF) und die Sozialversicherungsbeiträge eingezogen. Das entspricht massiven 41,7 Prozent der gesamten Lohnkosten. Und dies, obwohl der effektive Einkommensteuersatz auf den Kanarischen Inseln mit durchschnittlich 16,82 Prozent im spanienweiten Vergleich noch als verhältnismäßig moderat gilt und der viertniedrigste unter allen autonomen Gemeinschaften ist.

Schleichende Enteignung: Wie die Inflation uns durch die Hintertür ärmer macht

Wirtschaftsexperten warnen in der Analyse der Fundación Civismo eindringlich vor einer Form der „versteckten Inflation“, die als stille Besteuerung das verfügbare Einkommen der Bürger kontinuierlich verringert. Das Prinzip der sogenannten kalten Progression wirkt dabei wie ein unsichtbarer Steuereintreiber im Hintergrund: Wenn die Löhne der Arbeitnehmer steigen, um den massiven Kaufkraftverlust durch die Inflation auszugleichen, führt dies unweigerlich zu einer höheren Steuerlast, solange die Steuerklassen, die Freibeträge und die steuerlichen Mindestbeträge nicht exakt der Inflationsrate angepasst werden.

Das bittere Resultat: Ein beträchtlicher Teil dieser nominalen Gehaltserhöhung wird sofort vom Finanzamt durch höhere Steuersätze abgeschöpft. Der Steuerzahler verdient in der Realität nicht unbedingt mehr – seine Kaufkraft bleibt gleich oder sinkt in Krisenzeiten sogar –, aber er rutscht in eine höhere Steuerklasse und zahlt unverhältnismäßig höhere Abgaben. Ein deutlicher Beweis für diese Entwicklung sind die Rekordeinnahmen des Staates: Allein im Jahr 2025 erreichten die nationalen Steuereinnahmen den Rekordwert von 325.356 Millionen Euro – ein rasanter Zuwachs von 10,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr, während die spanische Wirtschaft im selben Zeitraum nominal nur um 5,8 Prozent wuchs. Insgesamt sind die von der Steuerbehörde verwalteten Steuereinnahmen seit 2019 um unglaubliche 112.548 Millionen Euro in die Höhe geschossen, was einem extremen Einnahmenwachstum von fast 53 Prozent entspricht.

Die unsichtbare Last: Stille Steuern und der neue Generationen-Mechanismus

Zusätzlich zur offensichtlichen Besteuerung auf dem Gehaltszettel führt das aktuelle spanische Steuersystem zu einer enormen, aber im Alltag oft nicht direkt wahrgenommenen Zusatzbelastung für Familien. Zu dieser „stillen Besteuerung“ gehören unzählige Abgaben wie die Grundsteuer (IBI), die Kfz-Steuer, verschiedene Verbrauchssteuern, diverse lokale Gemeindegebühren, die neue und umstrittene Abfallentsorgungsgebühr, die Grunderwerbsteuer sowie die Erbschafts- und Schenkungssteuer. Sie bilden ein komplexes und undurchsichtiges Geflecht verstreuter finanzieller Belastungen, die von den Bürgern beim täglichen Einkauf oder bei Behördengängen oft nicht sofort als Teil ihrer direkten, gesamten Steuerlast identifiziert werden.

Nach der erweiterten Schätzung im jüngsten Bericht der Stiftung entspricht allein diese versteckte und stille Besteuerung bei einem Durchschnittsbürger etwa 4.110 Euro pro Jahr. Umgelegt auf das reguläre Nettoeinkommen bedeutet dies, dass der durchschnittliche Arbeitnehmer noch einmal über 60 volle Tage nur arbeiten muss, um diese sekundären Steuern und Gebühren zu begleichen. Allein die indirekten Steuern wie die Mehrwertsteuer und die kanarische IGIC belasten die Bürger schwer, da sie bei jedem Konsumvorgang ohne Ausnahme fällig werden. Nach neuesten Berechnungen der Stiftung verschlingt allein diese indirekte Konsumbesteuerung umgerechnet fast 33 Tage des jährlichen Nettoeinkommens.

Eine weitere Verschärfung auf dem Lohnzettel brachte die kürzliche Einführung des sogenannten Mechanismus zur Generationengerechtigkeit (MEI). Diese Abgabe wurde von der Regierung eingeführt, um dringend benötigte Rücklagen für das nationale Rentensystem zu bilden. Auch wenn sie auf den ersten Blick klein und überschaubar wirkt – sie macht derzeit 0,9 Prozent der Beitragsbemessungsgrundlage aus, wovon 0,75 Prozent vom Unternehmen und 0,15 Prozent vom Arbeitnehmer getragen werden –, so erhöht sie doch schleichend die gesamten Beschäftigungskosten am Arbeitsmarkt. Dadurch sinkt unweigerlich der Anteil der Lohnkosten, der tatsächlich in frei verfügbares Nettogehalt für den Arbeitnehmer umgewandelt wird.

Ein dringender Aufruf: Spanien benötigt eine grundlegende Steuerreform

Angesichts dieser erdrückenden und lückenlos dokumentierten Zahlen zieht die Stiftung Civismo ein klares, unmissverständliches Fazit: Spanien und seine autonomen Gemeinschaften, einschließlich der Kanarischen Inseln, benötigen dringend eine umfassende und transparente Steuerreform. Diese muss zwingend auf spürbarer Vereinfachung basieren und darf Arbeit, grundlegenden Konsum, notwendige berufliche Mobilität sowie Immobilienbesitz und Vermögenstransfer nicht länger durch eine Ansammlung bürokratischer Hürden systematisch benachteiligen.

Um eine echte, spürbare Entlastung für die arbeitende Bevölkerung zu erreichen, müssen laut den Experten zwei Maßnahmen höchste Priorität haben: die drastische Reduzierung der regulatorischen Komplexität des aktuellen Steuersystems sowie die sofortige Abschaffung der versteckten, inflationsbedingten Steuererhöhungen durch eine jährliche und automatische Anpassung der Einkommensteuertarife an die Inflation. Nur mit solchen mutigen Schritten kann verhindert werden, dass der Tag der Steuerfreiheit in den kommenden Jahren noch weiter in den Herbst rückt und den Menschen auf den Kanaren endlich wieder mehr von ihrem eigenen Geld zum Leben bleibt. – TF

Weitere Artikel zum Thema:
Warum junge Spanier zunehmend am Steuersystem zweifeln, vom 18.08.2026
Mehr Gehalt, aber ärmer? Die bittere Realität spanischer Löhne, vom 12.08.2026

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