Tragödie in der Schneckenbucht: Das tödliche Versäumnis hinter dem Tod des 14-jährigen Jeremías
Der tragische Ertrinkungstod des erst 14-jährigen Jeremías M. an der Südwestküste von Gran Canaria erschüttert die Insel zutiefst. Doch während die Trauer um den jugendlichen Inselbewohner lähmend über der Gemeinde Mogán liegt, weicht das Entsetzen zunehmend einer bitteren Erkenntnis: Das tödliche Unglück vom vergangenen Dienstag hätte möglicherweise verhindert werden können. Der Küstenabschnitt, an dem der Teenager sein Leben verlor, gilt seit Jahren als hochgefährliche Todesfalle. Trotz dringender Bitten der Kommunalpolitik, eine Gefahrenquelle vor Ort baulich zu beseitigen, passierte jahrelang nichts.
Der „Todeskreis der Schnecke“: Ein Küstenabschnitt wird zur tödlichen Falle
Der Unfallort befindet sich in der malerischen Schlucht La Hondura (Barranco de La Hondura), direkt an dem stark frequentierten Fußgängerweg, der die beiden beliebten Strände Puerto Rico und Amadores miteinander verbindet. In der dortigen Bucht zieht eine markante Wendeltreppe aus Beton die Blicke auf sich. Mit ihren mehr als 90 Stufen führt sie von der Promenade hinab zu einer Felsformation auf Meeresspiegelniveau. Wegen ihrer charakteristischen Schneckenform gaben Einheimische und Besucher dem Küsteneck den Namen „Schneckenbucht“.
Unter Sicherheitsexperten und in den sozialen Medien hat die Enklave jedoch einen weitaus düstereren Namen erhalten: der „Todeskreis von Caracol“. Obwohl die Umgebung für Schwimmer denkbar ungeeignet und extrem gefährlich ist, hat sich die Felsformation über die Jahre zu einem Magneten für Badesuchende entwickelt. Die tückische Kombination aus versteckten Unterströmungen, abrupten Wellenschlägen und steilen Felskanten überrascht selbst erfahrene Schwimmer immer wieder. Wer einmal im Wasser in Not gerät, findet an den glitschigen Klippen kaum Halt, um sich aus eigener Kraft an Land zu retten.
Jahrelange Warnungen ignoriert: Der vergebliche Vorstoß der Gemeinde Mogán
Dass die Wendeltreppe eine massive Gefahrenquelle darstellt, war den Verantwortlichen vor Ort keineswegs unbekannt. Wie offizielle Dokumente belegen, unternahm der Stadtrat von Mogán bereits im Jahr 2021 konkrete Schritte, um den Zugang zur Bucht dauerhaft zu beseitigen. Die Gemeindeverwaltung richtete im November 2021 ein dringendes Schreiben an die zuständige Küstenbehörde der Kanarischen Inseln (Dirección General de Costas).
In diesem offiziellen Antrag forderte Mogáns Bürgermeisterin, Onalia Bueno, den unverzüglichen Abriss der Wendeltreppe sowie der dazugehörigen Zugangsplattform. Die Verwaltung verlangte zudem, dass das Unternehmen Puerto Rico SA, welches die Konzession für die Promenade und die Treppe hält, zur Beseitigung des Bauwerks aufgefordert wird. Die Bürgermeisterin fand damals deutliche Worte für die Fehlplanung aus der Vergangenheit: „Diese Treppe hätte niemals gebaut werden dürfen, um einen Fußgängerweg mit einem Bereich zu verbinden, der nicht zum Schwimmen geeignet und für Besucher unsicher ist“, betonte Bueno bereits vor Jahren.
Ursprünglich war die gewundene Konstruktion einst als reine Notfall- und Fluchttreppe konzipiert worden. Sie sollte Spaziergängern dienen, die bei Flut auf dem Küstenweg von überraschenden Wellen eingeholt wurden und keinen Ausweg mehr hatten. In der Praxis wandelte sich die Infrastruktur jedoch ins genaue Gegenteil: Sie wurde zum Einfallstor für leichtsinnige Klippenspringer und Badegäste.
Absperrungen und Verbotsschilder werden von Badegästen missachtet
Das Schreiben der Gemeinde an die Küstenbehörde im November 2021 war kein zufälliger Vorstoß. Es erfolgte nur wenige Tage nach einem weiteren tödlichen Badeunfall an genau derselben Stelle. Um die Menschen vor der drohenden Gefahr zu schützen, ließ die Gemeinde den Zugang zur Treppe mit einer Mauer sowie einer Absperrtür sichern. Zudem wurden gut sichtbare Warnschilder aufgestellt, die das Baden in der Bucht ausdrücklich untersagen und vor gefährlichem Steinschlag warnen.
Doch die baulichen Schranken zeigten nicht die erhoffte Wirkung. Damals wie heute ignorierten zahlreiche Badegäste und Touristen die Absperrungen systematisch. Hindernisse wurden überklettert oder umgangen, um über die 90 Stufen hinab ans Meer zu gelangen. Aus diesem Grund forderte der Stadtrat von Mogán die Küstenbehörde zusätzlich auf, die Zugangstür zur Treppe nicht nur zu verschließen, sondern komplett zuzumauern. Doch eine endgültige bauliche Beseitigung des Treppenaufgangs blieb bis zum heutigen Tag aus – mit fatalen Folgen für den jungen Jeremías.
Schockierende Bilanz: Fünf Tote und zwanzig Verletzte in fünf Jahren
Wie gefährlich die Schneckenbucht tatsächlich ist, verdeutlicht eine düstere Statistik der Präventionsplattform Canarias 1500km de Costa. In den letzten fünf Jahren kamen im „Todeskreis der Schnecke“ insgesamt fünf Menschen ums Leben. Zudem wurden rund zwanzig weitere Badegäste bei Unfällen zum Teil schwer verletzt.
Der Tod des 14-jährigen Jeremías M. reiht sich in eine erschreckende Serie von Tragödien an diesem Küstenabschnitt ein:
- November 2021: Ein 18-jähriger Urlaubsgast aus Italien ertrank in der Bucht vor den Augen seiner Familie, was den damaligen Vorstoß der Bürgermeisterin auslöste.
- September 2020: Ein besonders schwarzer Tag für die Region. Gleich drei Menschen – zwei deutsche Staatsbürger und ein Einheimischer aus Gran Canaria – wurden von einer mächtigen Welle von den Felsen ins Meer gerissen und ertranken am selben Tag.
- Ebenfalls im Jahr 2020: Zwölf Schülerinnen und Schüler der Deutschen Schule Las Palmas entgingen nur knapp einer Katastrophe. Die Jugendlichen, die ihren Schulabschluss in einem nahegelegenen Hotel feierten, wurden beim Baden von einer unberechenbaren Strömung erfasst und weit aufs offene Meer hinausgezogen. Nur mit knapper Not und unter großem Kräfteeinsatz gelang es den Jugendlichen, die Felsen wieder zu erreichen und ans Ufer zu retten.
Die drängende Frage nach der Verantwortung nach dem Tod von Jeremías
Der erneute Todesfall hat die Debatte um die Sicherheit an den Küsten Gran Canarias neu entfacht. Dass ein weiterer Jugendlicher sein Leben an einem Ort verlor, dessen Gefahrenpotenzial behördlich bestens dokumentiert war, sorgt auf der Insel für Unverständnis und Bestürzung. Während die Angehörigen um den 14-jährigen Jeremías trauern, richtet sich der Blick der Öffentlichkeit erneut auf die zuständigen Küsten- und Verwaltungsbehörden. Der Fall macht deutlich, dass reine Verbotsschilder und Behelfsabsperrungen oft nicht ausreichen, um Menschen vor lebensgefährlichen Küstenabschnitten zu schützen. – TF
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