Moya – Ein bedeutendes Kapitel der kanarischen Landwirtschaftsgeschichte geht zu Ende. Die renommierte Käserei Aguas de Fontanales in der Gemeinde Moya auf Gran Canaria hat in dieser Woche nach fast sieben Jahrzehnten ununterbrochener Produktion ihren Betrieb endgültig eingestellt. Damit endet die beeindruckende Laufbahn von Olga Lantigua und ihrem Ehemann José Luis Arencibia, die sich ein Leben lang der traditionellen Käseherstellung und dem Erhalt des ländlichen Erbes gewidmet haben.
Ein Leben für die Landwirtschaft und die Käsetradition
Der Name Olga Lantigua ist auf den Kanarischen Inseln untrennbar mit der handwerklichen Käseproduktion verbunden. Bereits im Alter von neun Jahren erlernte sie die Grundlagen dieses anspruchsvollen landwirtschaftlichen Berufs, der fortan ihr gesamtes Leben bestimmen sollte. Gemeinsam mit ihrem Ehemann führte sie das Erbe der vorherigen Generationen fort und bewahrte eine Arbeitsweise, die eng mit der Natur und dem landwirtschaftlichen Rhythmus der Insel verwurzelt ist.
Wie Lantigua anlässlich der Schließung betonte, ruhte ihre Arbeit in all den Jahrzehnten lediglich ein einziges Mal: Während ihrer achttägigen Flitterwochen trocknete der Käseschimmel nicht. Abgesehen von dieser kurzen Unterbrechung war die Pflege der Tiere und die Verarbeitung der Milch eine tägliche, kompromisslose Pflicht, die das Ehepaar nie nur als reinen Beruf, sondern als gelebte Lebensphilosophie verstand.
Der aufwendige Herstellungsprozess in den Bergen von Moya
Die Produktionsstätte zeichnete sich durch einen langsamen, rein handwerklichen und besonders sorgfältigen Prozess aus, der in der heutigen, auf Effizienz ausgerichteten Lebensmittelindustrie eine absolute Seltenheit darstellt. Die Grundlage für den hochwertigen Käse bildete die Milch des eigenen Viehbestandes.
Die Herde der Käserei umfasste rund dreißig Ziegen der autochthonen Rasse Majorera. Wie das lokale Nachrichtenportal Canarias Times in einem Hintergrundbericht ergänzt, gehörte zudem eine Kuh der Rasse Holstein (Frisona) zum Hof. Die Majorera-Ziege, eine widerstandsfähige und auf den Kanarischen Inseln heimische Rasse, liefert eine extrem protein- und fettreiche Milch, die sich hervorragend für die traditionelle Käseherstellung eignet.
Die landwirtschaftliche Arbeit war klar strukturiert: Während José Luis Arencibia in erster Linie für die tägliche Fütterung, die Weidepflege und die Gesunderhaltung der Tiere verantwortlich war, überwachte Olga Lantigua den gesamten Produktionszyklus. Pro Jahr wurden in der kleinen Käserei durchschnittlich zwischen 2.000 und 3.200 Kilogramm Käse in reiner Handarbeit hergestellt. Der frisch gewonnene Käsebruch wurde behutsam in traditionelle Holzformen abgefüllt, die teilweise noch aus den Gründungsjahren des landwirtschaftlichen Betriebs stammten.
Die anschließende Reifung erfolgte nicht in modernen Kühlkammern, sondern in einer natürlichen Höhle direkt auf dem Familiengrundstück. Jeden Abend war Lantigua persönlich dafür zuständig, die Laibe zu kontrollieren und händisch zu wenden, um eine optimale Reifung zu garantieren. Diese tägliche Routine verlieh den Produkten ihre charakteristische cremige Textur und den intensiven Geschmack.
Krönender Abschluss: Goldmedaille bei der Agrocanarias 2026
Trotz des nahenden Ruhestands ließ die Qualität der Produkte bis zum letzten Tag nicht nach. Erst vor wenigen Wochen erhielt die Käserei eine der höchsten Auszeichnungen des Archipels: Die Goldmedaille beim offiziellen Käsewettbewerb Agrocanarias 2026. Dieser renommierte Wettbewerb wird vom Institut für Agrar- und Lebensmittelqualität (ICCA) im Auftrag der Regierung der Kanarischen Inseln organisiert, um die besten Käseprodukte der Region zu prämieren.
Die Goldmedaille wurde der Käserei Aguas de Fontanales speziell für ihren halbgereiften Rohmilchkäse aus Ziegenmilch verliehen. Diese Ehrung markiert nun den definitiven Höhepunkt und gleichzeitig den gebührenden Schlusspunkt einer beispiellosen Karriere.
Offizielle Würdigung durch Politik und Agrarverwaltung
Das endgültige Aus der Käserei blieb auch auf oberster politischer Ebene nicht unbeachtet. Anlässlich der Betriebseinstellung reiste eine Delegation hochrangiger Vertreter nach Moya, um der Familie für ihre Verdienste um den Viehzucht- und Käsesektor zu danken. Der Landwirtschaftsminister der Kanarischen Inseln, Narvay Quintero, sowie der Bürgermeister von Moya, Raúl Afonso, besuchten die Anlagen persönlich. Begleitet wurden sie vom ICCA-Direktor Luis Arráez Guadalupe und dem Käsemeister der Generaldirektion für Viehzucht, Isidoro Jiménez.
Minister Quintero betonte während des offiziellen Besuchs, dass die aktuellen und vergangenen Auszeichnungen der Käserei nicht nur ein Beweis für enorme Anstrengungen seien. Sie spiegelten vor allem eine Qualität wider, die direkt aus der tiefen Verbundenheit mit dem Land und dem Erhalt alten handwerklichen Wissens resultiere, welches trotz des Wandels der Zeit bewahrt wurde. Bürgermeister Afonso fügte hinzu, dass jeder von der Familie hergestellte Käse ein Stück der lokalen Geschichte der Stadt Moya in sich trage. Das Erbe der Käserei werde als dauerhaftes gastronomisches und kulturelles Gut der Gemeinde fortbestehen.
Die Rolle von Proquenor und die Zukunft der kanarischen Käsereien
Der Rückzug von Olga Lantigua und José Luis Arencibia beleuchtet gleichzeitig eine übergeordnete Herausforderung des ländlichen Raums: den Generationenwechsel in der Landwirtschaft. Die extrem fordernde, tägliche Handarbeit mit dem Vieh findet immer seltener Nachfolger. Umso wichtiger ist die Rolle von regionalen Schutz- und Förderorganisationen im Agrarsektor.
Carla Vera, die Enkelin der Inhaber und Geschäftsführerin des regionalen Erzeugerverbandes Proquenor (Vereinigung der Käseproduzenten des Nordwestens), blickt mit Zufriedenheit auf die Erfolgsgeschichte ihrer Großeltern zurück. Wie die Organisation auf ihrer offiziellen Webpräsenz festhält, setzt sich Proquenor seit Jahren auf Gran Canaria massiv für den Schutz der traditionellen Käsereien, die Förderung handwerklicher Herstellungsmethoden und die Wahrung geschützter Ursprungsbezeichnungen ein.
Laut Vera haben staatliche Wettbewerbe sowie die kontinuierliche Aufklärungsarbeit von landwirtschaftlichen Verbänden maßgeblich dazu beigetragen, dass die Verbraucher den wahren Wert dieser handwerklichen Erzeugnisse wieder schätzen lernen. Der Abschied der Käserei Aguas de Fontanales bedeutet zwar das Ende einer Ära in Moya, doch die gesetzten Qualitätsstandards und das bewahrte Wissen bleiben als wegweisendes Vorbild für den gesamten Agrarsektor der Kanarischen Inseln erhalten. – TF
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