Gran Canaria – Die kanarische Insel Gran Canaria steht vor einer gewaltigen ökologischen Herausforderung. Die fortschreitende Wüstenbildung, angetrieben durch jahrhundertelange menschliche Eingriffe und nun massiv beschleunigt durch den globalen Klimawandel, bedroht die Flora der Insel. Um diesen fatalen Trend umzukehren, hat das Umweltministerium des Cabildo de Gran Canaria eine weitreichende Ausschreibung für ein ambitioniertes Aufforstungs- und Pflegeprojekt veröffentlicht. Es geht um die Rettung und den nachhaltigen Erhalt der grünen Lunge des Archipels.
Ein Paradigmenwechsel: Pflege statt reiner Pflanzaktion
Das Projekt umfasst sämtliche vom Inselrat verwalteten Waldflächen – ein gigantisches Areal von rund 22.000 Hektar. Das Hauptziel ist ein Umdenken in der Forstwirtschaft der Insel: Weg von kurzfristigen Pflanzaktionen, hin zu einer langfristigen Pflege, um die Rentabilität und die tatsächliche Effektivität der Investitionen in die heimischen Waldökosysteme zu garantieren. Für dieses Vorhaben stellt das Umweltministerium ein Budget von 1,60 Millionen Euro zur Verfügung. Die Projektlaufzeit ist auf 48 Monate angesetzt, mit der Option auf eine Verlängerung um weitere 12 Monate, nachdem die tatsächliche Umsetzung früherer Aufforstungspläne evaluiert wurde.
In der Vergangenheit stießen viele Wiederaufforstungsprojekte in den Naturschutzgebieten und auf den öffentlichen Liegenschaften des Cabildo auf ein massives Hindernis: das Fehlen der sogenannten kulturellen Pflege. Ohne eine konsequente Nachbetreuung scheiterten zahlreiche Pflanzungen. Dies lag vor allem an einem akuten Personalmangel in den Sommermonaten. Genau dann, wenn die jungen Setzlinge am meisten Wasser und Schutz vor konkurrierendem Unkraut benötigen, übernimmt die überwiegende Mehrheit der Forstmitarbeiter Aufgaben in der Prävention und Bekämpfung von Waldbränden. Die Instandhaltung der aufgeforsteten Flächen war in dieser kritischen Zeitspanne weder angemessen noch ausreichend, was zu einer hohen Sterblichkeitsrate bei den Setzlingen führte.
Ressourcen für das Überleben der kanarischen Flora
Mit dem neuen Vertrag soll nun sichergestellt werden, dass jederzeit ausreichend personelle und materielle Ressourcen bereitstehen. Die Pflanzen, die zuvor in den Baumschulen des Umweltministeriums herangezogen wurden, sollen in der freien Natur die bestmöglichen Überlebenschancen erhalten. Die Pflege umfasst essenzielle Maßnahmen: die Beseitigung von Konkurrenzvegetation wie invasiven Brombeeren, Knöterichfarnen, Gelbem Ginster und Schilf, das gezielte Ersetzen bereits abgestorbener Bäume sowie die regelmäßige und tiefgründige Bewässerung der Jungpflanzen.
Um die Dimension dieses Vorhabens zu verdeutlichen, lohnt sich ein Blick auf einen früheren Plan zur umfassenden Waldbewirtschaftung öffentlicher Flächen im Mittelland, der im Jahr 2019 initiiert wurde. Dieser Vertrag sah ursprünglich Maßnahmen auf einer Fläche von maximal etwa 412 Hektar vor. Er umfasste bekannte Gebiete wie San José del Álamo, El Montañón, das historische Anwesen Osorio, La Cazuela, Los Chorros, Los Tilos de Moya, El Peñón und El Brezal. In der Realität wurden die Maßnahmen jedoch nie auf der gesamten Fläche umgesetzt; Gebiete wie San José del Álamo oder El Brezal blieben während der Vertragsausführung gänzlich unberührt. Im direkten Kontrast zu diesem unvollendeten Projekt vergrößert der nun ausgeschriebene Vertrag den anfänglichen Handlungsbereich um mehr als das 52-fache.
Maßgeschneiderte Strategien für Nord, Süd und den Gipfel
Um die praktische Umsetzung zu gewährleisten und die verschiedenen klimatischen Zonen der Insel optimal zu betreuen, sind die Arbeiten in vier Lose unterteilt. Drei dieser Lose widmen sich konkret der Wiederbesiedlung und Versorgung in verschiedenen Schlüsselregionen der Insel: dem dicht bewaldeten Norden, den zentralen Gipfelregionen und dem trockeneren Süden. Das vierte Los dient ausschließlich der strikten Überwachung und Qualitätskontrolle der durchgeführten Arbeiten.
Die Liste der Gebiete, die von diesem Projekt profitieren sollen, umfasst mehrere Dutzend öffentliche Ländereien, ist aber laut Umweltministerium ausdrücklich nicht abschließend. Die Flexibilität des Vertrages erlaubt es, während der Laufzeit weitere, noch nicht vorgesehene Grundstücke aufzunehmen oder bestehende zu streichen, ohne das Jahresbudget zu gefährden. In den Gipfelregionen stehen unter anderem Parzellen wie Las Mejoranas, Degollada Becerra, Cruz de Tejeda sowie die privaten Grundstücke Llanos de Ana López und Cortijo de Huertas auf dem Plan. Im Norden fokussiert sich die Arbeit auf Cruce de Aríñez, Lo Blanco, Cruce Los Garajes, Montaña Artenara, Los Andenes, La Angostura, Los Tilos de Moya, San José del Álamo, El Peñón, El Rayo, Gomestén, El Brezal und das bekannte Anwesen Osorio. Im Süden, wo die Trockenheit besonders spürbar ist, umfasst die Liste landwirtschaftliche und forstwirtschaftliche Enklaven wie Cortadores, Paso La Herradura, La Manzanilla, El Lote, Pinos de la Mesa de Chira, Llanos del Corral, Bentayga, Cañada Honda, La Data und La Cernicalera.
Die logistischen Herausforderungen in diesen teils unzugänglichen Gebieten sind enorm. Auf Anfragen interessierter Unternehmen, die bis zum 15. September ihre Angebote einreichen konnten, erklärte das Ministerium, dass viele der Ländereien nur über unbefestigte Waldwege erreichbar sind. Während bei Gebieten wie Cruce de Aríñez, Las Mejoranas, Cruce de Los Garajes oder Los Tilos de Moya die lebenswichtige Bewässerung direkt von einer Asphaltstraße aus erfolgen kann, müssen schwere Wassertanks bei Höfen wie Lo Blanco, Gomestén, San José del Álamo oder Osorio mühsam über unwegsame Feldwege navigiert werden.
Der dramatische Schwund der historischen Wälder
Diese massiven Anstrengungen mit Tausenden von Exemplaren der heimischen kanarischen Flora sind der verzweifelte Versuch, einen ökologischen Kollaps abzuwenden. Gran Canaria leidet massiv unter den Folgen historischer Abholzung. Einst waren historischen Aufzeichnungen zufolge bis zu 60 Prozent der Inseloberfläche von dichten Wäldern bedeckt. Heute warnen Umweltorganisationen wie die Fundación Foresta, dass rund 90 Prozent der Fläche von Gran Canaria ein hohes bis sehr hohes Risiko für Wüstenbildung aufweisen.
Die Dokumentation des neuen Vertrags zeichnet ein dramatisches Bild der aktuellen Vegetation. Der emblematische Kanarische Kiefernwald, der durch seine außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit gegen Feuer bekannt ist, bedeckt heute nur noch 35 bis 40 Prozent seiner potenziellen natürlichen Verbreitungsfläche. Noch alarmierender ist die Situation der wärmeliebenden Wälder, die als wichtige ökologische Übergangszone zwischen der trockenen Küste und den feuchteren Höhenlagen dienen. Ihr Bestand ist auf marginale 12 bis 14 Prozent der ursprünglichen Fläche geschrumpft.
Die Rettung des Doramas-Waldes als oberste Priorität
Am tragischsten ist jedoch der Zustand des Lorbeerwaldes. Diese uralte, feuchtigkeitsliebende Waldart, die einst den riesigen, legendären Doramas-Wald im Norden Gran Canarias bildete, ist auf kümmerliche 8 Prozent ihrer ursprünglichen Ausdehnung dezimiert worden. Der Verlust des Lorbeerwaldes hat gravierende Folgen für den Wasserhaushalt der gesamten Insel. Dieser einzigartige Lebensraum ist nicht nur der artenreichste der Kanaren, sondern auch in der Lage, sein eigenes feuchtes Mikroklima zu erschaffen. Durch das Auskämmen der feuchten Passatwolken – den sogenannten horizontalen Regen – hat dieser Waldtypus das größte Potenzial zur Grundwasserneubildung. Zudem fungiert er als essenzieller Puffer, der Temperaturanstiege abfedert und die zunehmende Trockenheit, die der Klimawandel mit sich bringt, auf natürliche Weise reguliert.
Die globale Erwärmung des Planeten verschärft den ohnehin kritischen Prozess der Wüstenbildung auf dem gesamten kanarischen Archipel, trifft jedoch Gran Canaria aufgrund der topografischen und historischen Gegebenheiten besonders hart. Mit dem neuen 1,60-Millionen-Euro-Vertrag geht das Cabildo de Gran Canaria nun einen entscheidenden Schritt in Richtung einer nachhaltigen Zukunft. Es wird nicht mehr nur medienwirksam gepflanzt, sondern akribisch gepflegt, bewässert und geschützt. Nur durch diese konsequente kulturelle Pflege können aus kleinen Setzlingen wieder jene widerstandsfähigen Wälder heranwachsen, die Gran Canaria als natürliches Schutzschild gegen den Klimawandel so dringend benötigt. – TF
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