Das Innere der Kanareninsel Teneriffa birgt eine komplexe und faszinierende vulkanische Struktur, die der Wissenschaft zunehmend ihre Geheimnisse offenbart. Eine bahnbrechende neue Studie hat tief unter der Insel mehrere Zonen identifiziert, in denen sich Magma ansammelt. Besonders im Fokus steht dabei der westliche Teil der Insel rund um den Vulkankomplex Teide-Pico Viejo. Hier konnten Forscher eine gewaltige Magmakammer in einer Tiefe von etwa 15 Kilometern nachweisen.
Ein dreidimensionales Röntgenbild des Vulkansystems
Mithilfe modernster Technik ist es einem internationalen Forschungsteam unter der Leitung des Vulkanologischen Instituts der Kanarischen Inseln (Involcan) erstmals gelungen, ein detailliertes dreidimensionales Bild der tieferen Erdkruste und des oberen Erdmantels unter Teneriffa zu erstellen. Die wegweisenden Ergebnisse wurden am Freitag in der renommierten Fachzeitschrift „Scientific Reports“ der Nature-Gruppe veröffentlicht und bieten völlig neue Perspektiven auf die Architektur des Vulkans.
Die wichtigste Erkenntnis der Wissenschaftler verweist auf ein ausgedehntes Gebiet direkt unter dem Pico Viejo. Die durch seismische Wellen erfassten Daten deuten zweifelsfrei auf das Vorhandensein einer bedeutenden Ansammlung von geschmolzenem Material hin. In den Zonen mit der geringsten seismischen Geschwindigkeit schätzt das Modell den Anteil der Gesteinsschmelze auf bis zu 79 Gewichtsprozent.
Die wichtigsten Fakten der neuen Studie im Überblick:
- Lage der Hauptanomalie: Unterhalb des westlichen Teneriffa (Teide-Pico-Viejo-Komplex).
- Tiefe: Die Magma-Reservoirs erstrecken sich in einer Tiefe zwischen 10 und 30 Kilometern, das Zentrum liegt bei etwa 15 Kilometern.
- Analysemethode: Auswertung von über 785 fernen Erdbeben aus den Jahren 2017 bis 2024.
- Beteiligte Institutionen: Involcan, Complutense-Universität Madrid, ITER, Universität Genf und das Institut für Vulkanologie (IVAR) in Portugal.
Wie Forscher das Unsichtbare sichtbar machen
Um ein solch präzises Bild vom Inneren der Insel zu zeichnen, analysierten die Forscher unter der Leitung von Víctor Ortega Ramos mehr als 785 starke Erdbeben, die sich in den vergangenen sieben Jahren an verschiedensten Orten der Erde ereigneten und vom Kanarischen Seismischen Netzwerk aufgezeichnet wurden.
Die Studie nutzte dabei eine hochkomplexe geophysikalische Technik, die als „Empfängerfunktionen“ (Receiver Functions) bekannt ist. Luca D’Auria, Direktor der Abteilung für Vulkanüberwachung bei Involcan, erklärte, dass diese Methode es den Wissenschaftlern erlaubt, ferne Erdbeben zu nutzen, um herauszufinden, was sich in den größten Tiefen verbirgt. Wenn seismische Wellen die verschiedenen Schichten und Materialien des Erdinneren durchlaufen, werden sie transformiert. Durch die Messung dieser Veränderungen lässt sich ableiten, ob die Wellen durch festes Gestein oder durch flüssiges Magma gewandert sind.
Magmatische Unterplattung: Wenn heißes Gestein aufsteigt
Die Auswertungen zeigten zunächst eine relativ starre, etwa zehn Kilometer dicke Schicht der ozeanischen Kruste. Darunter ändert sich das geologische Bild jedoch drastisch. Die Wissenschaftler identifizierten insgesamt vier große Anomalien, die durch extrem niedrige seismische Geschwindigkeiten von sogenannten S-Wellen gekennzeichnet sind. Diese verlangsamten Geschwindigkeiten deuten in Verbindung mit thermodynamischen Modellen auf extrem hohe Temperaturen und signifikante Mengen an geschmolzenem Material hin.
Geologen bringen diese tiefe Magmaansammlung unter dem westlichen Teneriffa mit einem Prozess in Verbindung, der als magmatische Unterplattung bezeichnet wird. Bei diesem Mechanismus steigt Magma aus dem Erdmantel auf und sammelt sich allmählich an der Basis der ozeanischen Kruste an. Im Laufe der Jahrmillionen dauernden geologischen Geschichte Teneriffas haben genau diese Prozesse dazu beigetragen, die physikalischen und chemischen Eigenschaften der Inselbasis grundlegend zu verändern und das gewaltige vulkanische Gebilde aufzubauen, das wir heute sehen.
Jüngste Erdbebenschwärme: Ein Zeichen wachsender Aktivität?
Die geologischen Erkenntnisse aus der Tiefe lassen sich direkt mit Phänomenen an der Erdoberfläche verknüpfen. Die Forschung hat einen klaren räumlichen Zusammenhang zwischen den tiefen Magmakammern und der in den letzten Jahren auf Teneriffa registrierten seismischen Aktivität festgestellt. Ein erheblicher Anteil der lokal begrenzten Erdbeben konzentriert sich genau oberhalb oder an den Rändern der nun entdeckten Magmazone.
Erst kürzlich, im August 2026, verzeichnete das Nationale Geografische Institut (IGN) innerhalb kürzester Zeit rund 700 kleine Erdbeben am Teide. Der Direktor des IGN, Itahiza Domínguez, hielt es in diesem Zusammenhang für denkbar, dass sich eine Magmakammer in etwa zehn Kilometern Tiefe aktuell füllt. Diese aktuellen Messungen aus der Praxis untermauern die Ergebnisse der theoretischen 3D-Modellierung von Involcan auf eindrucksvolle Weise.
Entgasung und der Weg an die Oberfläche
Die Forscher gehen davon aus, dass die Verteilung der jüngsten Erdbeben direkt mit dem Transport und der Akkumulation von Magma in der Tiefe zusammenhängt. Wenn Magma aus dem oberen Erdmantel in flachere Bereiche aufsteigt, sinkt der Umgebungsdruck. Dieser Druckabfall führt dazu, dass im Magma gelöste Gase – hauptsächlich Kohlendioxid – freigesetzt werden.
Diese Gase und magmatischen Fluide wandern anschließend weiter in Richtung Oberfläche, wo sie auf das hydrothermale System von Teneriffa treffen und mit diesem interagieren. Genau dieser Prozess könnte die Ursache für einen Großteil der auf der Insel beobachteten seismischen Aktivität sein, einschließlich sogenannter hybrider und niederfrequenter Erdbeben. Die Studie belegt somit, dass Prozesse in mehreren Dutzend Kilometern Tiefe direkte und nachweisbare Auswirkungen auf Phänomene an der Oberfläche haben.
Ein wichtiger Schritt für die vulkanische Frühwarnung
Die im Rahmen des TFvolcano-Projekts und mit Mitteln des Cabildo de Tenerife finanzierte Arbeit stellt einen massiven Fortschritt im Verständnis der Tiefenarchitektur des Vulkansystems von Teneriffa dar. Sie liefert erstmals den Beweis, wie die Magmaspeicherzonen, die seismische Aktivität und die Gasemissionen der Insel miteinander vernetzt sind.
Für die Sicherheit der Bevölkerung ist dieses Wissen von unschätzbarem Wert. Zukünftige Forschungen werden sich nun darauf konzentrieren, die Geometrie, die Ausdehnung und die Verbindungswege dieser tiefen Strukturen noch präziser zu vermessen. Das übergeordnete Ziel ist es, die Interpretation von Überwachungsparametern wie Mikrobeben oder Entgasung weiter zu perfektionieren, um vulkanische Aktivitäten auf Teneriffa noch früher und verlässlicher vorhersagen zu können. – TF
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