Las Palmas – Es sollte ein beispielloses Projekt in der modernen Aquakultur werden: Die weltweit erste industrielle Tintenfisch-Farm. Doch das weitreichende Vorhaben des Lebensmittelkonzerns Nueva Pescanova im Hafen von Las Palmas auf Gran Canaria steht massiv unter Beschuss. Eine starke Allianz aus Tierschützern, Wissenschaftlern und Umweltexperten fordert nun den sofortigen und endgültigen Stopp der Anlage. Steht das Megaprojekt vor dem endgültigen Aus?
Tierschützer und Wissenschaftler schlagen Alarm
Die spanische Tierrechtspartei PACMA hat sich einer internationalen Kampagne der Organisation Compassion in World Farming (CIWF) angeschlossen. Gemeinsam mit zahlreichen Fachexperten, Meeresbiologen und weiteren Nichtregierungsorganisationen haben sie ein formelles Schreiben an Beatriz Calzada, die Präsidentin der Hafenbehörde von Las Palmas, gerichtet. Die unmissverständliche Forderung: Das Konzessionsverfahren für den Bau der weltweit ersten industriellen Tintenfisch-Farm muss unverzüglich und offiziell eingestellt werden.
Die Front gegen das Projekt ist breit aufgestellt. Sie stützt sich nicht nur auf emotionale Argumente, sondern auf handfeste ethische, ökologische und vor allem rechtliche Bedenken, die eine Umsetzung in der geplanten Form untragbar machen.
Hochintelligente Einzelgänger: Die ethischen Bedenken
Tintenfische gelten in der Wissenschaft längst als hochintelligente, neugierige und empfindungsfähige Lebewesen, die komplexe Probleme lösen können. In freier Wildbahn leben sie als territoriale Einzelgänger, die dunkle Höhlen und viel Abwechslung benötigen. Die unterzeichnenden Organisationen machen deutlich, dass eine massenhafte Haltung dieser sensiblen Tiere in künstlichen, engen und strukturlosen Becken absolut unvereinbar mit ihrem natürlichen Verhalten ist.
Hinzu kommt eine dramatische Lücke im Gesetz: Aktuell gibt es in der kommerziellen Aquakultur keinerlei spezifische Tierschutzvorschriften für diese Art. Zudem warnen die Experten, dass weltweit noch keine wissenschaftlich validierte Schlachtmethode für Tintenfische existiert, die unnötiges und grausames Leiden der Tiere ausschließt.
Ökologische Risiken für die Meere vor den Kanaren
Neben dem Tierschutz warnen Meeresökologen eindringlich vor den massiven Umweltauswirkungen einer solchen industriellen Anlage. Da Tintenfische reine Fleischfresser sind, würde ihre Zucht in Gefangenschaft immense Mengen an tierischem Futter erfordern. Die Fütterung mit Fischmehl und Fischöl, das aus Wildfängen gewonnen wird, würde den ohnehin schon kritischen Druck auf unsere globalen marinen Ökosysteme durch Überfischung weiter verschärfen.
Auch auf lokaler Ebene birgt das Projekt enorme Gefahren für die Kanarischen Inseln. Die Organisationen befürchten eine schleichende Wasserverschmutzung durch tierische Abwässer, Futterreste sowie mögliche Chemikalienunfälle. Dies könnte die sensiblen Meereslebensräume rund um Gran Canaria massiv schädigen. Besonders geschützte und für das Ökosystem essenzielle Arten wie Wale und Meeresschildkröten, die vor den Küsten der Insel heimisch sind, wären direkten Gefahren ausgesetzt. Ein solches Szenario hätte auch verheerende wirtschaftliche Folgen für den sanften, nachhaltigen Tourismus der Region, der stark vom intakten Meeresschutz abhängt.
Umweltprüfung verpasst: Das formale Aus für das Projekt?
Auch auf bürokratischer Ebene scheint das Vorhaben endgültig ins Wanken geraten zu sein. Bereits im Jahr 2023 stellte die Regionale Umweltprüfungskommission der Regierung der Kanarischen Inseln klar, dass ein vereinfachtes Genehmigungsverfahren für ein Projekt dieser Größenordnung unzureichend ist. Es wurde eine umfassende und detaillierte Umweltverträglichkeitsprüfung gefordert.
Laut den Verfassern des offenen Schreibens hat das Unternehmen Nueva Pescanova diese entscheidende Studie jedoch nicht fristgerecht eingereicht. Folgerichtig sei der Antrag auf die benötigte Hafenkonzession inzwischen schlichtweg verfallen. Die Hafenbehörde von Las Palmas hat infolgedessen im Mai 2026 erste administrative Schritte zur Löschung der Akte eingeleitet. Ein Schritt, den PACMA und ihre Mitstreiter ausdrücklich begrüßen.
Ein globales Signal für den Schutz der Ozeane
Dennoch fordern die Umwelt- und Tierschutzinitiativen mehr als nur einen bürokratischen Zwischenschritt. Sie drängen auf die endgültige Archivierung und unumkehrbare Ablehnung des Projekts. Angesichts der gravierenden „ethischen, ökologischen und rechtlichen Mängel“ dürfe es keine juristische Hintertür für den Start der industriellen Massentierhaltung von Tintenfischen geben. Der Appell an die internationale Politik ist eindeutig: Die Ozeane müssen geschützt und neue, zerstörerische Produktionssysteme im Keim erstickt werden. – TF
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