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Krise der Selbstständigen: Darum drohen den Kanaren neue Proteste

Am kommenden Sonntag wird wieder protestiert!

Lesedauer 4 Minuten

Kanaren/Spanien – Die Geduld der spanischen „Autónomos“ ist am Ende: Knapp drei Monate nach den letzten landesweiten Großdemonstrationen formiert sich auf den Kanarischen Inseln erneut heftiger Widerstand. Die selbstständigen Kleinunternehmer und Freiberufler planen die Rückkehr auf die Straße. Ihr Ziel ist es, den Druck auf die Regionalregierung massiv zu erhöhen, um spürbare und nachhaltige Verbesserungen ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen zu erzwingen.

Trotz der jüngsten gesetzlichen Anpassungen – wie der Erhöhung des spanischen Mindestlohns (SMI) im Jahr 2026 auf 1.221 Euro pro Monat – hat sich an der prekären Realität für die meisten Selbstständigen kaum etwas geändert. Im Gegenteil: Die Kluft zwischen Angestellten und inhabergeführten Kleinbetrieben vergrößert sich zusehends. Die Existenzängste im Sektor wachsen täglich.

Dauerschleife Existenzkampf: Bürokratie und steigende Fixkosten

Die Hauptbeschwerden der kanarischen Selbstständigen betreffen strukturelle Ungerechtigkeiten, die seit Jahren ungelöst bleiben. Während das Arbeitsrecht für Angestellte kontinuierlich ausgebaut wird, stehen Kleinunternehmer oft ohne sozialen Schutzschirm da. Zu den größten Kritikpunkten gehören:

  • Fehlender Urlaubsanspruch: Wer nicht arbeitet, verdient nichts und bleibt auf den Fixkosten sitzen. Ein echter Erholungsurlaub ist für die Mehrheit ein unbezahlbarer Luxus.
  • Mangelhafte Arbeitslosenabsicherung: Ein echtes, unbürokratisches Arbeitslosengeld, das mit der Absicherung von Arbeitnehmern vergleichbar wäre, existiert für Selbstständige in der Praxis faktisch nicht.
  • Steigende Gebühren und Beiträge: Die monatlichen Sozialversicherungsbeiträge (Cuotas de Autónomos) sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen.

Pilar Rodríguez, die Präsidentin der Plattform für die Würde der Selbstständigen „30N“ auf Gran Canaria, bestätigte das Wiederaufflammen der Bewegung. Der Sektor mobilisiere sich erneut, um einen nationalen Aufruf zu unterstützen, der maßgeblich von dem bekannten spanischen Anwalt Daniel Vosseler initiiert wurde.

Das Concilia-Programm: Ein Tropfen auf dem heißen Stein?

Zwar zeigt sich die Plattform 30N gesprächsbereit und begrüßt die Einführung des von der kanarischen Regierung geförderten Concilia-Programms, dennoch bleibt die Kritik scharf. Das Programm bringt zwar punktuell Entlastung, greift laut Rodríguez jedoch viel zu kurz. Die offiziellen Wirtschaftsdaten der Region sprechen eine deutliche Sprache: Die Zahl der Abmeldungen von Gewerben steigt kontinuierlich, da immer mehr Unternehmer die laufenden Kosten schlichtweg nicht mehr decken können.

Interessant ist dabei der zeitliche Zusammenhang: Das Concilia-Programm nahm genau zu dem Zeitpunkt Gestalt an, als die Proteste der Autónomos im Winter ihren Höhepunkt erreichten. „Wir können es nicht mit absoluter Sicherheit belegen, aber die Erfahrung zeigt: Jedes Mal, wenn wir auf die Straße gehen, bewegen sich die politischen Entscheidungsträger“, betont Rodríguez.

Das Concilia-Programm beinhaltet unter anderem folgende finanzielle Hilfen:

  • Zuschüsse für Vertretungen während des Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaubs.
  • Finanzielle Unterstützung bei der Einstellung von Personal zur Betreuung von Minderjährigen oder pflegebedürftigen Angehörigen.
  • Teilweise Deckung der Kosten für Kindertagesstätten und Tageszentren.

Die Wurzel des Problems liegt in Madrid

Die Vertreter der Selbstständigen betonen die grundsätzlich konstruktive Zusammenarbeit mit der Generaldirektion für Selbstständige der Regierung der Kanarischen Inseln. In mehreren Arbeitstreffen habe die regionale Politik ihre Unterstützung signalisiert und zugesagt, im Rahmen ihrer Kompetenzen alles Mögliche zur Verbesserung der Lage beizutragen.

Gleichzeitig machen die Verbände jedoch deutlich, dass die eigentliche Ursache der Krise auf staatlicher Ebene verankert ist. Die entscheidenden Steuergesetze, Sozialversicherungsreformen und Arbeitsmarktregelungen werden in Madrid beschlossen. Von dort stammen die meisten fiskalischen Maßnahmen, die den Sektor nach Ansicht der Betroffenen zunehmend „ersticken“.

Der SMI-Effekt 2026: Warum die Mindestlohnerhöhung Autónomos belastet

Ein kritischer Faktor in der aktuellen Debatte ist die Kopplung der Sozialversicherungssysteme an den nationalen Mindestlohn (SMI). Im Jahr 2026 wurde der gesetzliche Mindestlohn in Spanien per königlichem Dekret auf 1.221 Euro brutto im Monat (bei 14 jährlichen Zahlungen) angehoben. Was für Angestellte eine überfällige Kaufkraftanpassung bedeutet, erhöht für viele Selbstständige mit eigenen Angestellten den finanziellen Druck massiv.

Zusätzlich steigt mit der Anhebung des SMI erfahrungsgemäß auch die Basis für die Berechnung der Mindestbeiträge zur Sozialversicherung für die Autónomos selbst. Die sogenannte Anpassung der Beiträge an das reale Einkommensniveau steht zwar ganz oben auf der Reformliste der Verbände, die aktuelle Umsetzung führt jedoch bei vielen Kleinunternehmern im Niedrigeinkommensbereich zu einer Mehrbelastung statt zu einer Entlastung.

Blick in die Zukunft: Forderung nach echtem Wandel

Die goldenen Zeiten zu Beginn des 21. Jahrhunderts, in denen Selbstständigkeit auf den Kanaren noch ein Garant für wirtschaftlichen Aufstieg war, sind vorbei. Um die Trendwende einzuleiten, fordern die Verbände eine radikale politische Neuausrichtung. Die Betroffenen verlangen einen spürbaren Wandel und eine politische Ordnung, die den wirtschaftlichen Wert von Kleinunternehmern für die Gesellschaft anerkennt.

Ein kleiner Lichtblick ist die geplante Ausschreibung der kanarischen Regierung zur Absicherung bei vorübergehender Arbeitsunfähigkeit (Baja Temporal). Diese Vereinbarung sieht vor, dass die Sozialversicherungsbeiträge im Krankheitsfall für zwei Monate von der öffentlichen Hand übernommen werden. Für Rodríguez ist dies ein „wichtiger Meilenstein“, ersetzt jedoch nicht das eigentliche Kernziel: den uneingeschränkten, gesetzlichen Zugang zu einem fairen Arbeitslosengeld für alle Selbstständigen in Spanien. Am Sonntag wird wieder demonstriert! – TF

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