Kanaren – Auf den Kanarischen Inseln steht eine drastische Änderung für Online-Shopper bevor. Der gesamte kanarische Wirtschaftssektor – von großen Konzernen bis hin zu kleinen und mittleren Betrieben (KMU) – hat sich in einem gemeinsamen Brandbrief an das Finanzministerium der Regionalregierung gewandt. Das klare Ziel: Die Abschaffung der sogenannten IGIC-Befreiung für Online-Käufe bis zu einem Wert von 150 Euro zum 1. Juli 2026. Damit könnte das steuerfreie Bestellen bei asiatischen Shopping-Plattformen wie Temu, Aliexpress oder Shein bald der Vergangenheit angehören.
Warum die 150-Euro-Grenze ihren Sinn verloren hat
Bisher galt für Pakete mit einem Warenwert unter 150 Euro eine Ausnahme von der kanarischen Einfuhrumsatzsteuer (IGIC). Diese Steuerbefreiung wurde im Jahr 2016 eingeführt, um den damals extrem bürokratischen und komplizierten Zollprozess für Verbraucher zu umgehen, der den Onlinehandel auf den Inseln stark ausbremste. Doch die rechtliche und technische Ausgangslage hat sich grundlegend verändert. Ab dem 1. Juli tritt eine neue Regelung in Kraft, die eine pauschale Zollgebühr von drei Euro auf alle Online-Waren aus Drittländern vorschreibt.
Branchenexperten betonen, dass durch die ohnehin verpflichtende Einführung dieses Drei-Euro-Zolls der bürokratische Aufwand digitalisiert und vereinheitlicht wird. „Die Befreiung wurde in einer Zeit eingeführt, in der es keine funktionierenden Mechanismen zur Besteuerung dieser Sendungen gab“, erklären Insider aus dem Umfeld der Regierung. Heute seien voll funktionsfähige digitale Systeme etabliert. Über diesen neuen Prozess könne die IGIC problemlos direkt mit abgeführt werden, wodurch die historische Begründung für die Steuerbefreiung komplett hinfällig wird.
Unlauterer Wettbewerb belastet den lokalen Handel
Für den heimischen Handel auf dem Archipel geht es dabei um die pure Existenz. Während kanarische Geschäfte die IGIC auf jede Ware aufschlagen und ordnungsgemäß deklarieren müssen, können globale E-Commerce-Plattformen ihre Produkte ohne diese Steuerbelastung anbieten. Lokale Unternehmer sehen darin einen massiven unlauteren Wettbewerb.
Die Kanarischen Inseln sind mittlerweile die einzige Region in der gesamten Europäischen Union, die E-Commerce-Sendungen mit geringem Wert am Bestimmungsort von der indirekten Steuer befreit. Die EU hatte diese Lücke bereits 2021 geschlossen, um Steuerhinterziehung und Wettbewerbsverzerrungen zu stoppen. Lokale Händler sprechen von einer unhaltbaren „strukturellen Steuerasymmetrie“, die den kanarischen Markt mit Billigprodukten überschwemmt.
Harte Fakten: Gefährdung von Arbeitsplätzen und Umweltfolgen
Die Dimensionen dieses Problems sind gewaltig. Schätzungen aus dem Einzelhandel zufolge werden auf den Kanaren täglich rund 170.000 E-Commerce-Pakete ausgeliefert. Etwa die Hälfte davon fällt unter die 150-Euro-Grenze. Diese riesigen Warenströme fließen steuerfrei ins Land, ohne vor Ort Arbeitsplätze zu schaffen oder zur lokalen Wertschöpfung beizutragen.
Darüber hinaus warnen die Wirtschaftsverbände vor den ökologischen Folgen dieses Geschäftsmodells. Die massenhafte Verteilung von Kleinpaketen aus Übersee sorgt für ein stark erhöhtes Verkehrsaufkommen, CO2-Emissionen und gigantische Müllberge aus Plastik und Kartonagen.
Der stationäre Einzelhandel auf den Inseln sichert derzeit knapp 160.000 Arbeitsplätze. Durch die unregulierte Konkurrenz aus dem Netz geraten diese Jobs und die Umsätze der lokalen Geschäfte immer stärker unter Druck. Das Parlament der Kanarischen Inseln hatte bereits 2022 einstimmig eine Resolution zur Abschaffung der Ausnahme verabschiedet – nun fordert die Wirtschaft von der Regierung den finalen Schritt zur Umsetzung. – TF
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